Von Michael Schweizer

E. fröstelte ihn. Nicht des leichten Windes wegen, der sacht von Ruederbach herüberwehte. Es war schließlich immer noch recht warm an diesem denkwürdigen Juniabend des Jahres 1908. Vielmehr schreckte ihn der Sumpf, den er zu überqueren hatte auf dem Weg ins Nachbardorf. Äußerst übel und faulig roch es hier, selbst das Schilf wuchs nur schlecht in diesem sauren Moor.

Gegen halb acht dann sah er es zum erstenmal. Erst hielt er es für eines Wanderers mühsam glimmende Zigarre, gleich jener, die er, Alphonse Blümli, Bürgermeister von Bettendorf, leicht furchtsam zwischen den Lippen bewegte. Doch die Glut erwies sich beim Näherkommen als ein schwebendes Flämmlein, das nun vor ihm herflackerte und den Pfad grausig ausleuchtete.

"Es ist nicht gut, in manchen Nächten draußen zu sein", hatte ihm leichthin noch die alte Jeannette zugerufen – kurz bevor er zum Spaziergang aufbrach. Ach was, hatte er sich Mut gemacht, er war jung, erfreute sich bester Gesundheit – was um alles in der Welt konnte ihm denn passieren?

Der Schlag saß. Er traf ihn just da, wo allzu schwerer Schaden zwar von vornherein ausgeschlossen ist, die Wirkung jedoch noch tagelang anhält: an der oberen Hälfte des Nackens. So gesehen hatte die Begegnung mit dem weltfremden Licht mehr als nur transzendente Folgen. Denn zum einen bescherte es dem Herrn Bürgermeister einen doch etwas unkommoden längeren Aufenthalt im Kreiskrankenhaus zu Altkirch. Zum anderen mieden fortan nicht nur er, sondern auch seine Mitbürger den dunklen Sumpf zwischen Ruederbach und Bettendorf. Was dem Maire geschehen war, blieb bis heute ungeklärt.

Ruederbach wie auch Bettendorf liegen im Sundgau, jenem weltfremden Zipfel Frankreichs, den Geschichte und Gegenwart in holder Eintracht gemeinsam vergessen haben. Seit die österreichischen Habsburger nämlich als unmittelbare Folge des Westfälischen Friedens 1648 das kleine Stückchen Europa an Frankreich gaben, rührte sich hier nichts mehr von Bedeutung außer Hexen, Geistern und deren Gesellen.

Indes, es sind keine Spukgestalten, die gruselig kichernd auf Besen einherreiten oder gar den Teufel am Ohrläppchen zupfen. Vielmehr sind es etwas dezentere Angehörige des dunklen Reiches, geradewegs von der Sorte, die unverfroren, aber mit Anstand zum Beispiel dem braven Monsieur Blümli heimleuchteten. Oder die, wie im Falle der Nonnen zu Eschenwald, eine ganze Schar tugendsamer Klosterfrauen jahrelang in Schrecken hielten.