Von Sylvia Bergmann

Eine zarte und ruhige Hand muß jeder haben – ob Mann, ob Frau, wenn er sich mit dem Bemalen des "weißen Goldes" versuchen will. Die Rede ist vom Beruf des Keramikmalers. Im oberen Stockwerk der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) sitzen insgesamt sechzig Malerinnen und Maler, konzentriert über Teller, Sahnekännchen, Zuckerkörbe, Deckelvasen und Schalen gebeugt. Am Dekor des Berliner Blumenmusters für einen Teller arbeiten sie einen ganzen Tag lang, für das Handmalen einer Sahnekanne braucht es fünf Stunden. Als Porzellanfarben werden u. a. farbige Metalloxide verwandt. Mit diesem "Nektar" zeichnen die Kunsthandwerker in stundenlangem Geduldspiel feine Farbränder, Schriften, Monogramme, Blätter, Knospen, Blüten – Muster, die anschließend in der Aufglasurtechnik bei 840 Grad eingebrannt werden.

Allein, Geduld reicht für das Handmalen nicht aus; Talent ist schon vonnöten. Und da sich laut Berliner Manufaktur "gar viele zu diesem Handwerk berufen fühlen, doch nur wenige ausauserwählt sind", wird in den alljährlichen Eignungsprüfungen kräftig gesiebt. Von 153 Bewerbungen allein in diesem Jahr entschied man sich für die Ausbildung von lediglich vierzehn angehenden Pinselkünstlern. Wen wundert’s, investiert die Firma doch allein für die Ausbildung eines einzigen Malers das hübsche Sümmchen von etwa 100 000 Mark.

Drei Jahre – verbunden mit dem Besuch der Fachschule für Keramik – umfaßt die Lehrlingsausbildung eines Porzellanmalers, dessen Berufsbild bundesweit einheitlich gestaltet ist. Nach Beendigung seiner Ausbildung muß er in der Lage sein, eine Meißener Blume formvollendet zu malen, so lautet das allgemeine Kriterium. Blumiges spielt auch bei dem Aufnahmetest eine wichtige Rolle; nicht Tier, nicht Figur, das Berliner Blumenmuster muß es sein. Und wer die allerschönste Blume zum Blühen bringt, der ist "Rosenkavalier". Die Schulbildung ist beim Aufnahmeverfahren von untergeordneter Bedeutung.

Nach dem vom Verband der Keramischen Industrie e. V. in Selb erstellten Berufsbild des Keramikmalers gehören zu den notwendigen, in der Lehrzeit zu vermittelnden Fertigkeiten und Kenntnissen das Kennenlernen und Beurteilen der wichtigsten keramischen Farben, Farbglasuren und Edelmetallpräparate, das Aufbereiten von Farben, Kennenlernen der mechanischen Druckverfahren, das Spritzen mit und ohne Schablone, das Zentrieren, Rändern, Linieren und Bändern von Werkstücken jeglicher Form, das Malen von Schriften, Monogrammen und einfachen Mustern sowie Pflegen und Instandhalten der Arbeitsgeräte und Einrichtungen. Erwünschte Fertigkeiten sind: Ätzen von Porzellan, Fondstupfen, Reliefmalen, Polieren und Gravieren der aufgeschmolzenen Edelmetalle, Handmalen von schwierigeren Mustern, Schablonenschneiden, Entwerfen von Mustern sowie das Sortieren der Halb- und Fertigware.

Ist die Lehrlingszeit vorbei, wird täglich acht Stunden und mehr gegen Stücklohn gearbeitet. Entlohnung im Akkord, wobei überdurchschnittliche Leistung aber voll anerkannt wird. Angefangen vom niedrigsten Tariflohn ab zehn Mark pro Stunde liegt das Durchschnittssalär bei 15 Mark; aber auch Spitzenlöhne von 25 Mark pro Stunde werden gezahlt.

Doch Geld allein ist es nicht, was die jungen Leute wie magisch auf dieses Metier fixierte Liebe zum zarten Detail, ein klein bisserl Romantik spielen hier sicherlich auch eine Rolle. Was nun aber nicht heißt, daß sich der Porzellanmaler gar etwa als verhinderter Künstler sieht; sie kommen oftmals aus gänzlich verschiedenen Berufsschichten; viele sind nicht mal mehr blutjung, was für die Ausbildung aber keine allzu große Bedeutung hat. Zu achtzig Prozent tummeln sich aber doch vorwiegend Frauen in diesem Revier.