Von Ulrich Schiller

Washington im September

Die Medien zählen noch immer eisern die Tage. 318 waren es am Dienstag. Darüber hinaus jedoch hat die amerikanische Öffentlichkeit in überraschendem Maße gelernt, mit der Geiselkrise zu leben. Sie scheint dem Präsidenten sogar willig gefolgt zu sein, als er nach dem Scheitern der Rettungsaktion in der persischen Wüste die Befreiung der 52 Diplomaten in der Rangliste der politischen Probleme etwas herabstufte. Die Geiseln sind nicht vergessen. Ihre Gefangenschaft wird auch weiterhin als Ausdruck einer Demütigung Amerikas empfunden. Aber die aufwallende Empörung ist abgeflacht: teils, weil andere Probleme die Nation beschäftigen, teils auch, weil niemand den Beweis erbringen kann, daß eine andere als die von Jimmy Carter von Anfang an gewählte, nur einmal durchbrochene diplomatische Methode die Geiseln schneller nach Hause gebracht hätte.

Die von dem republikanischen, Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan bereits im Frühjahr geäußerte Überzeugung, die USA hätten dem Ajatollah Chomeini ein Ultimatum mit der Androhung schwerster Folgen stellen müssen, dann hätten der Iran und vor allem die internationalen Organisationen reagieren müssen, wird zwar nach wie vor diskutiert und vielfach auch gebilligt. Aber bei dem zwangsläufig aufkommenden Gedanken an eine Besetzung oder Bombardierung der iranischen Ölfelder durch amerikanische Streitkräfte enden solche Gespräche dann meist mit einer bangen Frage. Schließlich weiß niemand, wie und unter welchen Konsequenzen die Sowjetunion auf eine amerikanische Aktion reagiert hätte.

So ist das Geiseldrama in Teheran bisher noch nicht einmal in den Wahlkampf hineingezogen worden. Ronald Reagan gab sogar blitzschnell zu verstehen, er werde dem Präsidenten nicht in den Rücken fallen, wenn er mit dem Iran Verhandlungen auf der Grundlage der vorige Woche von Chomeini gestellten Forderungen anstrebte.

Es war das erste Mal seit vielen Monaten, daß sich das Oberhaupt der Revolution im Iran direkt zur Geiselfrage äußerte. Chomeinis Bedingungen für eine Freisetzung der Geiseln beschäftigen die Iran-Experten sehr und sorgten für Schlagzeilen, die Hoffnungen erweckten. Der Ajatollah forderte:

  • die Rückgabe des Schah-Vermögens;
  • die Freisetzung der in Amerika eingefrorenen iranischen Guthaben;
  • den Verzicht auf alle amerikanischen Forderungen an den Iran;
  • eine verbindliche Absage an jede Form amerikanischer Einmischung in die Angelegenheiten des Iran.