Wurden durch Duogynon mißgebildete Kinder geboren? Der Staatsanwalt will die Ermittlungen einstellen

Stürzt ein Flugzeug auf die Erde, dann analysieren Experten der Luftfahrtämter und des Herstellers jedes Detail – nicht so sehr, um einen Schuldigen zu finden, als um gleichartige Unglücke künftig zu vermeiden.

Ersticht jemand einen Menschen, dann erfährt der Produzent der Tatwaffe gewöhnlich nichts vom "nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch" seines Schneidewerkzeugs: Technisch ist da nicht viel zu verhüten. Der Staatsanwalt kann sich ganz auf den Täter konzentrieren.

Kommt dagegen ein Kind mit schweren Mißbildungen zur Welt, dann finden sich weder Unfallursachenforscher noch Staatsanwälte ein: Die alltägliche Katastrophe im Kreißsaal gilt gewöhnlich als unabänderliches Schicksal.

Erst wenn Geburtsfehler mit gewissen Arzneistoffen in Verbindung gebracht werden, beginnen sich die Ursachenforscher pharmazeutischer Katastrophen für den Fall zu interessieren. Bis ein solcher Fall schließlich – falls überhaupt – beim Staatsanwalt landet, vergeht viel Zeit: Arzneimittelproduzenten und Ärzte bewegen sich irgendwo in der Grauzone zwischen Absturz-Analytikern und Messerstechern, die von Justitia nur gelegentlich – und dann mit einem unsicher flackernden Licht der Gerechtigkeit – aufgehellt wird. Das zeigte sich schon im Contergan-Prozeß – und jetzt wieder im Fall Duogynon.

Duogynon ist ein Hormonpräparat der Berliner Pharmafirma Schering. Von 1950 an würde es als Pille oder Injektion zur Regulierung der ausbleibenden Monatsregel und als Schwangerschaftstest eingesetzt. Nebenbei sprach sich ein "nicht bestimmungsgemäßer Gebrauch" herum: Mit hohen Duogynon-Gaben kann auch abgetrieben werden – vermutlich, weil das Mittel die Embryonalentwicklung stört.

Der Verdacht erhärtete sich im Oktober 1967: Der englischen Ärztin Isabel Gal war aufgefallen, daß sich Mütter von Kindern mit gespaltener Wirbelsäule und Wasserköpfen auffällig häufig einem hormonalen Schwangerschaftstest unterzogen hatten. 1970 verbot die britische Arzneimittelbehörde die Anwendung von Duogynon (dort: "Primodos") als Schwangerschaftstest.