Aus den zwanziger Jahren klingt im etwas zickigen Jazzrhythmus jener Zeit ein Berliner Schlager nach, dessen Vorstrophe lautete, daß unter den vielen Völkerschaften auf Erden eine sei, mit der könne niemand glücklich werden: die Verwandtschaft. Refrain: "Fang nie was mit Verwandtschaft an, denn das geht • schief, denn das geht schief..

In unserer Zeit, in der vorbildliche Menschen nicht nur menschlich, sondern sportlich sein müssen, ist um die modernen Stammesfürsten, die Cracks, jeweils eine Menge geschart, die sich den Blicken der Öffentlichkeit nicht entziehenkann: die Verwandten, die Freude und Leid mit ihnen teilen und für die endlich bald ein spezieller Knigge geschaffen werden sollte: Wie benehme ich mich auf Sportplätzen als Verwandtschaft?

Kürzlich, bei dem Heldenkampf Im amerikanischen Flushing Meadow, verweilten die Kameramänner des Fernsehens besonders gern bei Mariana, der jungen Frau des schwedischen Kämpen Björn Borg, die nahe der rechten Ecke des Spielfeldes saß und alle Phasen des dramatischen Kampfes ihres Heldengemahls gegen den amerikanischen Tennistorero McEnroe verfolgte und durch ihr Mienenspiel begleitete, so daß einer, der ein wenig Ahnung vom Tennis und etwas Verständnis für die weibliche Psyche hat, in die Lage versetzt war, vom Mienenspiel der jungen und schönen Mariana auf die Chancen und die Gefahren zu schließen, denen Björn Borg ausgesetzt war.

Das ist der Vorteil der Technik: Der Bildschirm zeigt nicht nur den Kampfplatz und die Kämpfer, sondern kann, zwischen geschwungenen Armen und Schlägern, gelegentlich ein anmutiges Damenbild erscheinen lassen, eine Gattin oder Verlobte, oder auch das tieffühlende Gesicht einer treusorgenden Mutter oder das von nervösen Zuckungen durchblitzte Antlitz eines anspornenden Vaters. Etwa des Rechtsanwaltes McEnroe, der – wie doch der Zufall spielt! – genau so einen weichen, antisolaren Leinenhut trug, wie ich ihn den ganzen Tag im sonnenerfüllten Garten nahe der Loire getragen hatte.

Manchmal erinnerte das Verhalten der Tennisverwandtschaft an die Art, wie man früher die Shakespeare-Tragödien spielte: Schlachten wurden nicht direkt, sondern in ihrer Wirkung dargestellt, das heißt: akustischer Tumult: ja – dafür gab es schließlich Donnermaschinen. Aber der optische Eindruck minnermordender Schlachten wurde hauptsächlich durch das Verhalten der Menschen auf der Bühne wiedergegeben, die den Blick hinter die Kulissen gewandt hatten: "Ah, die Phalanx weicht, Fahnen schwanken, wir gehen zugrunde!"

Derselbe Theatereffekt wurde in Flushing Meadow erreicht, und zwar hauptsächlich im Lager des Siegers McEnroe. Sein Brüder Patrick sank in die Arme der Mutter, und diese stürzte sich auf McEnroes blondbezopfte Braut Stasy. Zu diesen verwandtschaftlichen Freuden ertönte die Hymne der amerikanischen Nation, und deren Fahne bauschte sich verwandtschaftlich im Winde: unser Sohn, unser Wunderkind!

Kehren wir zu Mariana zurück: Angesichts des schicksalschweren Matchballs im fünften Satz rang sie nicht etwa die Arme, sondern senkte nur den Kopf. Ergreifend. Wie doch kleine Gesten unter Umständen mehr sagen können als riesiges Getue!