Nach einer Woche zähen Tauziehens hinter den Kulissen ist die Entscheidung gefallen. In El Salvador, jenem übervölkerten Zwergstaat Mittelamerikas, hat der "harte" Flügel des Militärs die liberalen Kräfte im Offizierskorps kaltgestellt. Pro forma hat die Regierungsjunta – drei Zivilisten, zwei Militärs – die Führung der Armee übernommen; doch was nach außen als Kompromiß dargestellt wird, bedeutet tatsächlich: Die reformbereiten Obersten werden von Truppenkommandos abgelöst; die alte Generalsgarde stärkt ihren Einfluß; die mit dem Heer eng verbundenen rechten "Ordnungsgruppen" erhalten freien Auslauf.

Zu den Verlierern zählen nebenbei auch die Christdemokraten. Ihre Minderheit in der Junta hat sie viel Glaubwürdigkeit gekostet, den Rest opfern sie jetzt, um den ungebremsten Zusammenprall von links und rechts so lange wie möglich zu verhindern; die bereits erreichten Verbesserungen zählen in der Bürgerkriegsatmosphäre wenig.

Gescheitert ist auch der Versuch, revolutionären Druck durch schnelle Reformen abzubauen. Nach den Erfahrungen von Nicaragua investierte Washington viel Prestige, politische Hilfe und Geld in dieses Experiment. Die so geförderte politische Mitte hat jeden Einfluß verloren, und parallel zu ihrem Schwinden verhärten sich die Fronten links und rechts.

Gefährlicher als dieser Mißerfolg der Vereinigten Staaten ist jene Ausbreitung des Konflikts, die Havanna bereits lautstark mit dem Etikett "Vietnamisierung" versehen hat. Immer ungenierter greifen die nördlichen Nachbarn in die salvadorensischen Unruhen ein, die inzwischen einem Bürgerkrieg ähneln. In Honduras und Guatemala versammeln sich Söldner, die über die Grenzen eingreifen; die regierenden Offiziere in Honduras dulden es schweigend, weil sie Ruhe wünschen, um ihren Versuch einer spät begonnenen Liberalisierung nicht zu stören; die Offiziere in Guatemala begleiten es mit bramabarsierenden Erklärungen gegen "die gringos, die uns Demokratie beibringen wollen".

Derweil hält in Salvador das blutige Ringen um die "befreiten Gebiete" an. Armee, Polizei und rechte Banden verhalten sich gemäß einer verbürgten Äußerung aus den Reihen des Generalstabes: "Besser töten wir jetzt 100 000, als daß später 200 000 sterben." Die vereinigte linke Guerilla veröffentlicht zwar laufend Erfolgsmeldungen, bringt aber im Augenblick die größeren Opfer. Ihre Warnung, eine "US-Invasion wie 1954 in Guatemala" stehe unmittelbar bevor, wird auch durch ständige Wiederholung nicht glaubwürdiger.

Doch in Washington sitzt auch der ständige Rat der "Organisation Amerikanischer Staaten" (OAS). Ihr außenpolitisches Credo, sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Mitglieder einzumischen, verliert an Überzeugungskraft, wenn Staaten unterhalb der offiziellen Intervention bereits kräftig mitmischen, wenn Söldnertrupps linker wie rechter Provenienz von Kampfplatz zu Kampfplatz ziehen, jeweils heimlich unterstützt von Regierungen ihrer politischen Couleur. Ihre gemeinsame Ablehnung der Ordnungsmacht Amerika überträgt der OAS auch die Pflicht, eine ordnende Rolle wenigstens versuchsweise zu übernehmen. Gespräche über ein Waffenembargo wären ein erster Schritt.

Selbst eine solche Maßnahme käme für Salvador wohl zu spät. Die großen Familien, vereint mit der Armee, sind fest entschlossen, das Duell auszuschießen. Die Linke wiederum weiß, daß ihre Niederlage das Ende aller Hoffnungen für viele Jahre bedeuten wird. Wer auch immer siegen wird: Die politische Vernunft ist bereits auf der Strecke geblieben, und dieses schlechte Beispiel droht in Lateinamerika wieder Schule zu machen. H. B.