ZDF, Sonntag, 21. September, 20.15 Uhr: "Fallstaff" Oper von Giuseppe Verdi

Wagner aus München oder Bizet aus Wien: Die Live-Übertragung einer Premiere aus dem Opernhaus als glamouröse Selbstdarstellung eines Hauses und seines potenten Publikums – von dem eigentlichen Opernereignis kann gerade noch soviel wie das Photo von einer Plastik vermittelt werden.

Verfilmung des Standard-Repertoires aus Hamburg oder elektronische Aufzeichnung einer Jahrhundert-Inszenierung aus Bayreuth: die Nachproduktion einer für eine Bühne erarbeiteten Aufführung, das Opernhaus dabei zum Studio umfunktioniert – die Reportagen bewahren etwas Vergängliches für die Zukunft auf, überliefern ein künstlerisches Faktum denen, die nicht dabei waren.

Die Film-Oper: Joseph Loseys "Don Giovanni" in einem neuen, ungewohnten und scheinbar unpassenden Ambiente ergibt eine neue Kunstform, in der die Szene ihre eigene künstlerische Form, ihre Autonomie besitzt, geht vielleicht den radikalsten und wohl auch notwendigsten Weg.

Oper als Studioproduktion aber bringt eine ungefähre Mitte. Da wird ein Stück inszeniert fast wie für die "normale" Opernbühne. Da hat Götz Friedrich genau jenes Maß an Realismus getroffen, das einem Verdi-"Falstaff" zusteht, mit Witz und! Hintersinn, mit Drästik und Sinnlichkeit und Menschlichkeit und Vorsicht, hat mit Phantasie die Szenen ausgeschmückt, gestattet in dieser Bühnenwirklichkeit Fragen, läßt sie offen: Wie ist das mit unserer Humanität?

Darüber hinaus aber gewinnt diese Studio-Produktion einige wesentliche Details, wie sie auf der Bühne zu inszenieren unmöglich, aber auch überflüssig, weil kaum wahrnehmbar wären: Da schneidet die Kamera diagonale Blicke und bringt so Bezüge ins Bild, die in der Frontalbetrachtung aus dem Parkett niemals gelingen; da zeigt die Großaufnahme Reaktionen in Augenwinkeln und Fingerspitzen, die mehr Wahrheit enthalten als die gestischen Ausdrücke oder die verbalen Bekenntnisse; da werden in die Szenen der Protagonisten auch Bilder eingeschnitten von jenen Vorgängen, die sich parallel ereignen, für das Bühnenopern-Publikum ebenso unsichtbar wie für die auf dieser Bühne Handelnden.

Schließlich zeigt diese Studio-Produktion den Mut, eine Komödie zu nehmen, als das, was sie sein will: eine in der Tat geistvolle Unterhaltung. Daß sie auch noch ein musikalischer Genuß sein kann – eine schwer zu überbietende Besetzung unter Georg Sold – zeigt eine Besichtigung. der Fassung mit High Fidelity und Stereoton. Daß wir in der Bildschirmfassung statt dessen wieder einmal nur ahnen werden, wieviel besser Musik klingen kann als aus den armseligen Trichtern unserer derzeitigen Geräte, weil die Kooperationsbereitschaft zwischen Hörfunk und Fernsehen irgendwo in den innerbetrieblichen Irrgängen steckenblieb, ist eine neue Demonstration des öffentlich-rechtlichen Desasters.

Heinz-Josef Herbort