Von Klaus Pokatzky

Klaus Hammeke ist noch geschafft von der letzten Nacht. Bis in den Morgen hinein hat er Plakate geklebt, und nach zwei Stunden Schlaf muß er um sechs schon wieder raus, um mit den anderen die Bühne und den Stand aufzubauen. Da steht der 17jährige Stuckateurlehrling nun, verteilt Flugblätter, sammelt Unterschriften, diskutiert mit Passanten – macht Wahlkampf. Es ist ein kühler und ungemütlicher Samstagmorgen: Durch die Fußgängerzone von Soest, vorbei an den restaurierten Fachwerkhäuschen mit den übergroßen Schaufenstern, weht hin und wieder ein kalter Wind, vom trüben Himmel nieselt es gelegentlich.

Klaus Hammeke stört das nicht; in diesen Wochen kennt er nur ein Thema, und das heißt Franz Josef Strauß. Für den Kanzlerkandidaten der CDU/CSU opfert er fast seine ganze Freizeit und riskiert öfter Streit mit seiner Freundin. Zum geliebten Motorradfahren: kommt er auch kaum noch. Klaus Hammeke ist an diesem Morgen in der Soester Fußgängerzone nicht der einzige, dessen Lebensinhalt sich zur Zeit in den drei Buchstaben "FJS" ausdrückt: Sein Freund Michael Fuisting ist da, ein 19jähriger Gastwirtssohn, der bei einem Verkehrsbetrieb Kaufmann lernt und bei dem Klaus, wenn es mit dem Plakatkleben mal wieder sehr spät wurde, "mit einer Tischdecke zugedeckt" auf dem Fußboden schläft; und der Professorensohn Stephan Wilmes, ein 16jähriger Gymnasiast, der Kernenergie befürwortet und zur Schule prinzipiell nur mit dem Fahrrad fährt, weil er Mopeds ablehnt: "Sie verschwenden Energie."

Zusammen mit einem runden Dutzend weiterer Aktivisten der Soester "Jugendinitiative Junge Leute für Franz Josef Strauß", die 80 Mitglieder hat, versuchen die drei an diesem Samstagmorgen, Wählerstimmen für ihren Favoriten zu werben. Dabei hilft ihnen der örtliche CDU-Bundestagskandidat Hermann Kroll-Schlüter, ein katholischer Landwirt, der den Wahlkreis 120 (Lippstadt-Brilon) schon zweimal sicher gewonnen hat: 1972 mit 54,9 Prozent (gegen 39‚3 für die SPD), vor vier Jahren sogar mit 58,2 gegen 35,7 Prozent. Der 41jährige Abgeordnete, jugendpolitischer Sprecher seiner Fraktion in Bonn, hat, nur wenig Zeit; im nahen Warstein wartet bereits der Kaninchenzüchterverein auf ihn.

Nach Kroll-Schlüter tritt, mit einiger Verspätung, ein Liedermacher aus dem benachbarten Unna auf die Bühne, die sich die Strauß-Initiativler von einer katholischen Kirchengemeinde geliehen und mit Korb-Gartenmöbeln aus eigenem Fundus gemütlich gemacht haben. Für hundert Mark bar auf die Hand singt Bernd Stelter Harmloses wie "Sie hat Fußpilz, oh, Baby, sie hat Fußpilz" und Gröberes: "Ich bin so herrlich linksradikal – neulich war ’ne Demo, ich war nicht faul – dem ersten Bullen haute ich ins Maul – ich krieg’ nach jeder Demo mein Gehalt, wir werden von der DDR bezahlt."

Die Soester Strauß-Jugend applaudiert ihrem Sänger zwar, doch ihr Stil ist das eigentlich nicht. Sie sind keine Demagogen oder Kreuzzügler. Und wenn sie auch mit ihrem Kandidaten einig sind, daß "Gesamtschulen und Staatsverschuldung uns ins Verderben führen", so kommt ihnen dennoch selten ein böses Wort über den politischen Gegner von den Lippen. Verteufeln mögen sie niemanden. Lieb und sympathisch sind sie, und zu dem Häuflein einheimischer Kernkraft- und Straußgegner, von denen sie sich schon äußerlich durch gepflegte Lässigkeit unterscheiden – saubere Jeans und Cordhosen, gebügelte Hemden und alles Ton in Ton –, halten sie lieber Distanz. Offenbar finden es die Wahlkämpfer von Soest von vornherein hoffnungslos, gegen Strauß eingestellte Jungwähler oder Unentschlossene für den CSU-Chef zu bekehren.

Trotzdem sind sie Wahlkämpfer mit Herz und Seele. Denn sie wollen ein Versäumnis ausbügeln, das sie sowohl der Mutterpartei als auch ihrer Nachwuchsorganisation ankreiden: Nur halbherzig, so sagen sie, seien Christdemokraten und Junge Union (JU) an Rhein und Ruhr für ihren bayerischen Kandidaten in die Bütt gestiegen. Wo die Älteren erst zum Jagen getragen werden mußten, sind die jungen Aktivisten, fast alle schon Parteimitglieder, begeistert dabei – in Soest wie überall, wo ähnliche Initiativen in den vergangenen Wochen und Monaten entstanden sind. Ihr Engagement ist nicht bloß zwangsläufig, nicht nur vom Kopf diktiert, nein, sie mögen ihn: den Menschen Franz Josef Strauß, mit seinen "Stärken, Schwächen und Widersprüchen", wie er sich selbst gern beim Publikum einführt, um Verständnis für Menschliches, allzu Menschliches werbend.