Der Theater-Macher

Was er anrührt, wird Täuschung. Wenn sein Hauch ein gebratenes Huhn trifft, verwandelt es sich in eines aus Pappendeckel. Unter seinem Blick lassen die Menschengesichter das Antlitz von der Maske fallen. Wenn er Gott in den Bart faßt, zeigt sich dieser als angeklebt und bleibt in der Hand. Das Herzblut, das seine Figuren rötet, geht mit Vaselin weg.

Heiß und salzig entquillt dem Aug’ des Dichters die Zähre,

In sein erklügeltes Stück fällt sie als Schmieröl hinab!

Alfred Polgar (1873–1955) in seinem jetzt wiederaufgelegten "Handbuch des Kritiken" (Zsolnay Verlag, Wien, 1980; 120 Seiten, 19,80 Mark)

Denkmal

Schon der private Briefkasten ist oft verstopft mit Reklame-Zetteln. Schlimm wird es in der Redaktion: Alle Verleger geben die besten Bücher heraus. Wohin mit diesen, ganze Wälder abholzenden Papiermassen einer Umweltverschmutzung von Auge, Ohr, Hirn? In den Papierkorb. Manchmal ist ein Brief dabei, den man liest, weil die Menschen sichtbar werden, die ihn geschrieben haben. Zum Beispiel die Überraschung beim Lesen des zunächst auch nur koketten Understatements: "Es geschieht nicht häufig, daß Ihnen bei der Durchsicht der wieder einmal zu umfangreichen Post eine Mitteilung vom Verlag Felix Meiner aus Hamburg in die Hände gerät." Felix Meiner? Die grasgrünen Leinen- oder Papp-Bände mit kommentierten Original-Schriften von Philosophen aller Zeiten, ohne die kein Student der Geisteswissenschaften hoffen durfte, durchs Examen zu kommen. Vater und Sohn Meiner, die den einst in Leipzig berühmten Verlag bald auch an der Alster zu einem Publikations-Haus nicht nur für Denker der Vergangenheit gemacht haben, schreiben in ihrem Brief, den offenbar kein Roboter-Computer der "Public Relations" ausgeworfen hat: "Das lag nicht nur an unserer Bescheidenheit, sondern vielmehr an der Art der Bücher, die wir machen: denn wer will schon etwas über Philosophie lesen? Doch ändert sich allmählich das Bild. Mehr und mehr gerade junge Leute suchen heute den Zugang zu diesem Fach." Die Behauptung läßt sich statistisch belegen. Deshalb der Hinweis auf die seit 1868 bestehende "Philosophische Bibliothek" des Verlages. Und weil philosophisches Denken immer auch zu tun hat mit spekulieren, raten, knobeln – schreibt der Meiner Verlag ein "Philosophenquiz" aus für "Zauberlehrlinge, Elfenbeinturmaspiranten, Brandstifter, Wolkenkuckucksheimer, Realenzyklopädisten, Geisterseher, Traumtänzer, Rattenfänger, Paradiesvögel." Zu gewinnen sind Bücherpakete mit philosophischen Schriften im Wert von 180 Mark. Die Fragebogen führt jede Buchhandlung. Zu raten sind Denker sehr unterschiedlicher Art. Ein Schüler Platons hat kleinen Wuchs kompensiert durch Fingerringe und fleißige Haarpflege; ein anderer, jetzt sind wir in Deutschland, hat "seine radikalen Säuberungsmaßnahmen in den von Huren und Säufern bewohnten Klöstern" – man muß wohl sagen: durchgeführt. (Einsendeschluß: November 1980.)