Berlin

Mit historischen Vorbildern tut man sich in der Bundesrepublik gewöhnlich schwer, besonders, wenn jemand auf die Idee kommt, einen Sozialisten auszuwählen. Gefahren für die demokratische Erziehung der Schüler witterten jedenfalls die CDU-Stadträte in Berlin-Wilmersdorf sofort, als sich Lehrer, Schüler und Eltern der 1. Oberschule Wilmersdorf vor einigen Monaten mit großer Mehrheit für Rosa Luxemburg entschieden. Für das CDU-geführte Bezirksamt war das nicht akzeptabel, denn, so der Volksbildungsstadtrat Horst Dohm (CDU), in einer repräsentativen Demokratie wie der Bundesrepublik sei eine Vertreterin der "Basisdemokratie" als Symbol ungeeignet. Noch härter fiel das Urteil seines Parteifreundes Ulrich Vogel aus. Dieser sah in dem Namen der radikaldemokratischen Sozialistin eine reine Provokation.

Das Gerangel um die Namensgebung der Wilmersdorfer Oberschule hat Tradition. Schon zweimal sind die Schulgremien mit ihren Vorschlägen gescheitert: Weder mit Bertolt Brecht noch mit Carl von Ossietzky konnten sie sich durchsetzen. Schuld daran war nach Meinung der Eltern Vertreter in beiden Fällen das Bezirksamt. Es soll die Vorschläge nicht rechtzeitig in die Senatsschulverwaltung weitergereicht haben, so daß andere Bezirke mit gleichen Vorschlägen zuvorgekommen seien und nun dort zwei Schulen die Namen Brecht und Ossietzky tragen.

Diesmal allerdings werden die Auseinandersetzungen bis zur höchsten Instanz der Berliner Behörden vordringen. Entgegen dem Mehrheitsvotum sämtlicher Schulgremien beharrt nämlich das Bezirksamt auf seinem eigenen, bereits vor einem Jahr eingebrachten Vorschlag: Otto Suhr (SPD), zwischen 1955 und 1957 Regierender Bürgermeister von Berlin. Doch der clevere Schachzug der CDU, der die Wilmersdorfer SPD in Zugzwang brachte, scheiterte am Schulsenator Walter Rasch (FDP). Rasch verweigerte seine Zustimmung zum Namen Otto-Suhr-Schule. Die Namensgebung sei eine pädagogische Maßnahme und müsse den am Schulleben beteiligten Gruppen eine Identifikation mit ihrer Schule ermöglichen, teilte er den Stadträten mit. Beharrlich setzt aber das Bezirksamt weiter auf Otto Suhr. Nun muß der Streit dem Regierenden Oberbürgermeister vorgelegt werden. Die 1. Oberschule Wilmersdorf aber wird noch einige Zeit mit ihrer Anonymität leben müssen.

Der Berliner Namensstreit ist kein Einzelfall. Die Universität Oldenburg wird nach einer Entscheidung im niedersächsischen Landtag wohl endgültig darauf verzichten müssen, nach dem Pazifisten und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky benannt zu werden. Nachdem sich schon die Universitätsgremien damit weder gegen den SPD-Minister Grolle noch gegen seinen CDU-Kollegen Pestel durchsetzen konnten, scheiterte im Mai ein Vorstoß der SPD-Fraktion am Widerstand der CDU-Mehrheit im Landtag.

In Stuttgart schlug ein parteiloser Gemeinderat vor, den zentralen Karlsplatz nach dem verstorbenen Philosophen Ernst Bloch zu benennen. Der Antrag wurde von der Mehrheit der Gemeinderats abgelehnt. Dafür erhielt befahrene Nebenstraße im Stadtteil Feuerbach den Namen Blochs.

Nicht nur Sozialisten und Kommunisten wurden Opfer der von den Parteien fleißig betriebenen Namenspolitik. Der Vorschlag der Bremer SPD, die Einfahrt des Container-Hafens nach dem verstorbenen Bürgermeister Wilhelm Kaisen (SPD) zu benennen, wurde erst nach langen Auseinandersetzungen mit dem damaligen Koalitionspartner FDP angenommen. Diese wünschte sich als Namensgeber den früheren Hafensenator Georg Bartscheller, ein FDP-Mitglied.

Werden diese Früchte des Proporzes auch kaum Verständnis in der Öffentlichkeit finden, so darf die Wilmersdorf er CDU immerhin auf eine gewisse Sympathie hoffen. Bereits 1974 gab es lautstarken Protest, als die rote Rosa den bundesdeutschen Postkunden als Sondermarke angeboten wurde. Andreas Conrad