Von Ernst Busche

Jean Dubuffet hat es seinem Publikum nicht leicht gemacht. Kindliche, krude Kritzeleien, Strichmännchen, die sogleich den Schlachtruf "Das kann mein Kind auch!" herausfordern, dazu Dreck und Abfall als Malmaterial und häufige Stilwechsel: das sichert dem heute 79jährigen Franzosen den Ruf eher eines Piraten im Reich der Kunst als eines ernsthaften Künstlers. Vor allem in Deutschland trifft das zu, wo es bisher weder eine umfangreiche Ausstellung noch eine fundierte, deutschsprachige Publikation gab. Aber das ist jetzt anders: Jörn Merkert und Ingrid Krüger haben für die Berliner Akademie der Künste die bisher größte Dubuffet-Retrospektive eingerichtet (sie wird später in Wien und Köln zu sehen sein). Die glückliche Werkauswahl, eine überlegte Ausstellungsgestaltung, die in chronologischer Folge geduldig und übersichtlich durch das vielschichtige Werk führt, und schließlich ein fundierter, sehr informativer Katalog, der jedes Exponat reproduziert und die wichtigsten Texte Dubuffets enthält, lassen das Unternehmen zu einem Meilenstein in der Präsentation und wissenschaftlichen Aufarbeitung von Dubuffets Werk werden.

Dubuffet macht es seinem Publikum nicht leicht – dabei sind es gerade Herr und Frau Jedermann, die in seinem künstlerischen Denken im Zentrum stehen: "In meinen Bildern will ich den Blick eines ganz durchschnittlichen Menschen wiederfinden." Nicht das klassische Schönheitsideal der Antike soll das Maß seiner Kunst sein, und die traditionellen Gegensatzpaare schön und häßlich, vorbildhaft und nachgeahmt will er auflösen; er verwirft den Intellekt als Kontrollinstanz der künstlerischen Produktion und propagiert ein rauschhaftes, fast undifferenziertes Aneignen der Welt: "Keine Kunst ohne Trunkenheit!" Mit Rausch und Trunkenheit verträgt sich keine detailgetreue, exakte Wiedergabe der Welt. Dubuffet bedient sich vielmehr eines zusammenfassenden, summarischen, a-perspektivischen Sehens und Zeichnens; ihn interessieren das "Speichervermögen der unbewußten Blicke" und die "unbestimmten Spuren, die sich spontan in das Gedächtnis eines jeden gewöhnlichen Menschen einprägen und von emotionalen Reaktionen erfüllt sind". Diese Grundsätze rücken Dubuffet in die Nähe der von ihm "Art Brut" genannten und intensiv gesammelten Kunst von Kindern, Primitiven und Geisteskranken, von der er sich in der Tat viele Anregungen holt.

Auch die Dadaisten, auch Picasso, Klee und Max Ernst sind durch den "Art Brut" beeinflußt, und so liegen denn bei diesen Vorläufern Dubuffets künstlerische Anfänge. Erst im Alter von 41 Jahren und im dritten Anlauf gelang es Dubuffet, dem Sohn eines Weinhändlers, seinen Entschluß, Künstler zu sein, durchzuhalten. Die Pariser Metro ist eines seiner ersten Themen: dichtgedrängt, mehr über- als hintereinandergeschachtelt, sind die Menschen in enge Waggons gezwängt. Wenn dennoch keine pessimistische Zivilisationskritik aufkommt, dann liegt das wohl an Dubuffets bis heute ungebrochener Vitalität, die ihn solche Situationen physisch wie psychisch unbeschadet überstehen läßt. Und es liegt am sicheren Wissen, daß es neben der Enge der Stadt noch das andere gibt, die Natur, Leitstern und Rettungsanker zugleich. An ihr richtet er sich aus, zu ihr kehrt er, der Städter, immer wieder zurück. So gibt es neben den Straßenszenen und Häuserfassaden die Bäume und Blätter, die "Verherrlichungen der Erde" – und die Kühe: "Ich muß gestehen, daß der Anblick dieses Tieres mir unerschöpfliches Wohlbehagen bereitet, durch die Ruhe und Heiterkeit, die es ausstrahlt."

Die frühen Arbeiten vom Anfang der vierziger Jahre, eine Seilspringerin, ein Kleiner Sergeant-Major, eine Niederkunft, sind in ihrer Frontalität angelehnt an Schaubilder und Votivtafeln; doch bald wird diese Starrheit aufgelöst. Dubuffets Malwerkzeuge geraten in Bewegung. Porträts wandeln sich zur Karikatur, Umrißlinien und Binnenzeichnungen zerfließen, und unvermittelt gelingen ihm, motorisch, automatistisch gezeichnet, großartige tachistische Werke. Allerdings bleibt Dubuffet, anders als etwa Wols oder Jackson Pollock, immer am Gegenstand, völlige Abstraktion gibt es bei ihm nicht.

Wie der Mensch, so zerfließt auch die Landschaft, und ist dabei zugleich doch unmittelbarer und genauer vorhanden: Dubuffet malt sie gleichsam mit ihren eigenen Mitteln, mit Kalk, Sand, Kiesel und Strohhalmen, greift auch zurück auf den städtischen Abfall, auf Teer, Zement, Gips, Asphalt, Kohlenstaub, Glasscherben. So rauh und schroff die Materialien auch sein mögen und so heftig und häßlich gelegentlich hineingezeichnet, hineingeritzt wird: Dubuffet gelingt hier höchste Ästhetik in scheinbarer Anti-Kunst.