Interview mit dem Streikbulletin "Solidarität"

Heute kam auf das Gelände der Danziger Werft der prominente polnische Regisseur Andrzej Wajda, Autor des berühmten Films "Der Mann aus Marmor". Wir benutzten die Anwesenheit des führenden Schöpfers des polnischen Kinos, um ihn um einige. Sätze für die "Solidarität" zu bitten.

Redaktion: Sie sind der Autor eines der besten polnischen Filme, welcher die heutige Welt der Arbeiter zum Thema hat. Ich denke dabei an den "Mann aus Marmor". Diesen Film kennen fast alle streikenden Arbeiter. Seine Handlung endet gerade hier, auf. dem Gelände der Danziger Werft. Wie sehen Sie Ihren Film aus der Perspektive von zehn Jahren angesichts der heutigen Ereignisse?

Wajda: Ich träumte immer davon, eine Fortsetzung dieses Films zu drehen. Ich glaube, daß ich sehr glücklich wäre, wenn es mir gelänge, einen Film zu machen, der eine Erzählung über den Sohn des "Menschen aus Marmor" wäre. Die Geschichte des Sohnes. Ich glaube, daß ihr inzwischen diese Geschichte zu Ende geschrieben habt, ihr habt sie geschrieben mit Taten. Ihr Bild sind die jetzigen Ereignisse. Deshalb ist es auch schon klar, wie diese Geschichte aussieht. Sie ist schon geschehen, sie hat sich schon ereignet. Hoffen wir noch, daß sie glücklich, enden wird. Ihre Beendigung erfüllt alle mit größter Sorge.

Redaktion: Die Handlung des Films "Der Mann aus Marmor" endet vor zehn Jahren. Heute erfüllt sich, wie Sie sagen, die Hoffnung, welche die Botschaft dieses Films war. Die Autoren der heutigen Ereignisse sind Menschen, die niemals "Männer aus Marmor" waren. Sie haben vielmehr jedes Jahr Blumen auf ihre Gräber gelegt. Auf diese Weise änderte sich gewissermaßen ihre Herkunft. Die Herkunft der Streikführer. Wie sehen Sie diese Menschen und die Motive ihres Handelns?

Wajda: Ich glaube, daß hier eine gewisse Kontinuität vorliegt, und wenn ich eine Fortsetzung jenes Films machen möchte, dann deswegen, weil ich begreife, was für uns am notwendigsten ist und was sehr wichtig ist – das Gefühl für unsere Kontinuität. Ich behaupte, daß nichts von Anfang an beginnt, daß alles irgendwo und irgendwann seine Wurzeln hat. Ich glaube, daß wir nicht erst seit Montag ehrliche Leute sind, sondern daß es auch schon vorher ehrliche Leute gab. Und selbst wenn sie gescheitert sind, zumindest keinen Erfolg gehabt haben, so wäre es nicht gut, wenn wir alle von heute anfangen würden. Deshalb möchte ich gern eine Fortsetzung jenes Films machen, denn ich habe das Gefühl, daß es mir gelang, in dem Film etwas Wahrhaftiges zu sagen, daß ich die Gestalt eines Arbeiters gezeigt habe der seine Ehre hat, seinen Ehrgeiz und sein Klassenbewußtsein. Daher möchte ich gerne sehen, wie der Sohn eines solchen Menschen aussieht. Ich glaube, die Tatsache, daß er der Sohn des "Mannes aus Marmor" ist, ist nicht ohne Bedeutung: Er wird ihn nicht enttäuschen. Mit anderen Worten: Ich glaube, daß er die Sache seines Vaters weiterführt.

  • Ich muß anmerken, daß ich erst gerade in der Werft angekommen bin, daher will ich mich erst umsehen und viele Dinge überdenken.