Von Ernst Klee

Mitarbeiter der bundesdeutschen Psychiatrie rüsten sich zu revolutionären Taten. Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP), in ihr sind mehr als 3000 Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Therapeuten, Schwestern, Pfleger und Seelsorger organisiert, hat zu einem Sternmarsch nach Bonn aufgerufen. Am 19. Oktober soll die Bundeshauptstadt Schauplatz einer bis dahin einmaligen Protestdemonstration sein. Die DGSP will sich mit Patienten und ihren Angehörigen zusammentun und für die "Verwirklichung der Menschenrechte in der Psychiatrie kämpfen. Die "Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie", mit 7000 Mitgliedern der größte psycho-soziale Fachverband, wird mitstreiten. Niemals zuvor haben sich Psychiater-und in der Psychiatrie Beschäftigte so eindeutig und so entschieden auf die Seite der Patienten geschlagen.

"Psychiatrische Großkrankenhäuser und -anstalten sind Stätten der Entwürdigung und Entrechtung von Mitbürgern unter fragwürdiger Legitimation. Die totale Institution wirkt auf Insassen und Personal behindernd und kränkend. Die Wiederherstellung der Menschenrechte der Betroffenen erfordert ohne Verzug die Auflösung der psychiatrischen Großkrankenhäuser und -anstalten." Daß Psychiater und Therapeuten Menschenrechtsverletzungen so vehement bekennen und sich dagegen wehren, ist einmalig. Doch die Öffentlichkeit hat diese geradezu sensationelle Entwicklung kaum registriert.

Initiiert hat den Demonstrationsaufruf der "Mannheimer Kreis", eine Gruppierung reformfreudiger Psychiatriemitarbeiter. In Mannheim trafen sich im Mai rund 1200 Fachleute und Patienten. Sie waren empört: Die Bundesregierung hatte für die nächsten fünf Jahre 500 Millionen Mark zum Ausbau gemeindenaher und alternativer Hilfsangebote zur Verfügung gestellt. Doch die Gelder werden nicht investiert, da der baden-württembergische Finanzminister Robert Gleichauf (CDU) die Finanzierung eines Modellprogramms durch den Bund mit verfassungsrechtlichen Bedenken blockiert hat. Die Psychiatrie sei Ländersache, meinte Gleichauf. Die CDU-Länder schlossen sich dieser Ablehnung an.

Bundesfinanzminister Hans Matthöfer, der zuvor die 500 Millionen lockergemacht hatte, kürzte daraufhin die Bundesmittel zur Förderung einer gemeindenahen Psychiatrie. Statt der groß propagierten 70 Millionen für 1980 blieben nur 10 Millionen. Kommentar der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie: "Es ist zum Verrücktwerden."

Investitionen für alternative Modelle sind dringend geboten: Jährlich kommt es zu 250 000 Krankenhauseinweisungen. 20 000 Menschen werden auf Grund seelischer Leiden vorzeitig in Rente schickt. 13 000 Verzweifelte töten sich selbst. Die Zahl der Drogen- und Alkoholabhängigen wächst. 120 000 seelisch Kranke fristen in Anstalten undHeimen "ein jammervolles Dasein" (DGSP).

Angesichts des Scheiterns, aller Psychiatrie-Reformen will die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie "künftig offen für die Auflösung der psychiatrischen Großkrankenhäuser kämpfen". Solch streitbare Psychiatriekritik kam bisher immer nur von außen. Doch jetzt bemängeln die Psychiater selbst die Großkliniken: