Da haben wir gehungert, gejoggt, geschwitzt, uns Speck, Butter und Eisbein versagt, um unser Idealgewicht zu erhalten oder zu erreichen. Und jetzt belehrt uns die Wissenschaft: Es war alles für die Katz. Mehr noch, wir sollen uns mit unserer Schlankheit in die Gefahr gebracht haben, früher zu sterben als unsere wohlbeleibten Altersgenossen – vorausgesetzt, daß es diesmal stimmt, was die Statistiker uns erzählen. Sie hatten uns erzählt, daß Übergewicht, selbst ein geringes, unser Leben verkürze, und dies ging als wissenschaftliche Erkenntnis in die Lehrbücher der Medizin und, vermittelt durch die Medien, in unsere Köpfe, ein.

Die gelehrten Zahlenjongleure hatten sich dies keineswegs etwa aus den Fingern gesogen. Ihre Wissensquellen waren vielfacher Art, etwa die Datensammlungen der Lebens- und Krankenversicherungen (die vor dem Datenschutzgesetz den Epidemiologen noch zugänglich waren) oder groß angelegte Massenuntersuchungen wie zum Beispiel die Framingham-Studie.

Framingham ist eine mittlere, häßliche Stadt im US-Staat Massachusetts, die von einer Gruppe von Forschern für eine Langzeitstudie über die Risikofaktoren für die koronare Herzkrankheit ausersehen wurde. Hier hatten sich 1948 einige tausend Freiwillige bereit erklärt, sich mindestens zwanzig Jahre lang alle zwei Jahre kostenlos gründlich untersuchen zu lassen. Dank der Treue dieser Probanden, von denen viele, die in der Zwischenzeit aus Framingham fortgezogen waren, auf eigene Kosten zu den Untersuchungsterminen anreisten, konnten die Lebenslaufe Tausender beobachtet und mit Gesundheitsdaten in Zusammenhang gebracht werden.

Aus dieser bislang größten Untersuchung solcher Art hatte sich nach 25 Jahren klar ergeben: Übergewicht und koronare Herzkrankheit, also auch Übergewicht und Herzinfarkt, sind deutlich korreliert. Schon zehn Prozent mehr Gewicht, als die Idealgewichte-Tabelle angibt, sind mit einer 30prozentigen Zunahme des Infarktrisikos verknüpft.

Doch just aus der Framingham-Studie, die noch für viele Jahre ein reichlich sprudelnder Quell für Medizinalstatistiker sein wird, hat sich, wie das Journal der amerikanischen Medizinervereinigung JAMA berichtet, jetzt herausgestellt, daß es die Dünnen sind, die mit einem früheren Tod als die Dicken (oder jedenfalls die Dicklichen) rechnen haben.

Diese-Nachricht hat vielerorts Jubel und manche Häme gegen die ungeliebten Statistiker ausgeübte Mit beidem freilich sollten wir zurückhaltendsein.

Nach wie vor nämlich bleibt das Übergewicht ein Risikofaktor für den Herzinfarkt. Ob wir ihn durch das Abspecken beeinflussen können, verrät die Statistik nicht, weil eine Korrelation noch nichts über einen Kausalzusammenhang aussagt. Immerhin spricht vieles dafür, daß Menschen, die koronargefährdet sind, gut daran tun, nicht an Gewicht zuzunehmen. Aber der Herzinfarkt ist nur eine von vielen Todesursachen. Was sein Auftreten begünstigt, muß nicht auch andere Krankheiten wahrscheinlicher machen.