Von Benjamin Henrichs

In diesem giftigen, gemeinen Wahlkampf 1980 ist nun doch noch etwas Gutes passiert: Ein Theater in der Provinz, das Schauspielhaus in Bochum, hat das provinzielle Treiben unserer führenden Staats-Schauspieler (und Oppositions-Darsteller) aus der Weltstadt Bonn gründlich blamiert – mit einer Wahlkampfveranstaltung, die aggressiv, aber nie vulgär, parteiisch, aber nie fanatisch ist. Während sich unsere Politiker immer mehr wie schlechte Schauspieler aufführen (zum Schaden des Theaters und der Politik), haben die Bochumer Schauspieler gute Politik gemacht – nicht das ja auch vorstellbare Spektakel "Peymann stoppt Strauß" findet statt (samt anschließender Siegerehrung), keine Selbstfeier der theatralischen Linken, sondern ein auch nachdenklicher, auch melancholischer Abend: "Unsere Republik", ein deutsches Singspiel, geschrieben, komponiert, inszeniert von Uwe Jens Jensen und Hansgeorg Koch.

Mit einem traurigen Märchen fängt es an. Anneliese Römer erzählt es, bekümmert und ohne falsche Ironie: "Es war einmal ein großes, mächtiges Land, in dem lauter tüchtige Leute wohnten ..." Mit einem traurigen Liedchen hört es auf, ein kleines Kind rezitiert Bertolt Brechts "Deutschland 1952": "O Deutschland wie bist du zerrissen/Und nicht mit dir allein!/ In Kält’ und Finsternissen/Läßt eins das andre sein/Und hältst so schöne Auen/Und reger Städte viel/Tätst du dir selbst vertrauen/Wär alles Kinderspiel In den dreieinhalb Stunden dazwischen: Lieder und Szenen, Bilder und Tableaus zur Geschichte unserer Republik. "Erster Akt; Frühlingsbeklemmung oder Die Vierziger. Zweiter Akt: Summertime oder Die Fünfziger. Dritter Akte Deutschland im Herbst oder Die Sechziger. Vierter Akt: Winterreise oder Die Siebziger."

Kirsten Dene singt Erich Kästners "Marschlied 1945". Im Hintergrund der großen Bühne, auf einem Gerümpelhaufen, steht ein amerikanischer Soldat mit der Sternenbanner-Flagge. Dann wird aufgeräumt. Drei GIs singen und tanzen das Lied von Tom Dooley, von den Nachkriegsdeutschen halb staunend, halb schaudernd beobachtet. Karl Menrad rezitiert, ein deutscher Jüngling, einen Text Günther Weisenborns von 1946, einen Appell an die Emigrierten, nach Deutschland zurückzukommen. Das Ensemble, mit dem Aufräumen fertig, überrollt die Szene mit einem albernoptimistischen Nachkriegsliedchen ("Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien"), stürmt zur Rampe, animiert das Publikum zum Klatschmarsch, worauf mindestens die Hälfte der Bochumer Zuschauer hereinfällt und so fröhlich dabei mithilft, Weisenborns leidenschaftlichen Text zu übertönen.

Das Ende und der Höhepunkt des ersten Teils: eine feierliche Rezitation der Grundrechte zu leise zirpender Cembalomusik. Die Bochumer Schauspieler sprechen die Sätze aus dem Grundgesetz wie einen großen literarischen Text, ernst, beinahe mit Andacht – und jäh begreift man den Abstand zwischen dem hochgemuten Entwurf und der niederen Wirklichkeit, sieht man die Wunden, welche die bundesdeutsche Realität in einunddreißig Jahren dem schönen alten Text geschlagen hat, vielleicht: schlagen mußte.

Nicht immer sind Jensens und Kochs szenische Erfindungen so hintersinnig und abgründig. Natürlich gibt es an dem langen Abend auch viel Kabarett, oft furioses, manchmal fades. So parodiert Kirsten Dene in einem grandiosen Solo jene legendäre Fußball-Reportage von Herbert Zimmermann aus Bern 1954 – während das Ensemble lauscht und bangt und brüllt und am Ende, nach dem Sieg über die Ungarn, aufsteht und aus heiseren Kehlen die Nationalhymne singt, Strophe eins natürlich. Das ist eine vehemente Szene und eine einleuchtende polemische Gleichung: Fußball-Fanatismus gleich Faschismus, Der Sieg von Bern löscht die Schmach von Stalingrad, die Chauvinisten können wieder schreien. So war es. War es so? Und da beginnen meine Zweifel an der Bochumer Unternehmung

Denn wenn man sich erinnert, wirklich erinnert, nicht nur von der inzwischen erreichten Höhe des eigenen kritischen Bewußtseins auf die furchtbaren Fünfziger herunterblickt, dann sieht manches doch anders aus als in der famosen Bochumer Revue.