Von W. Kratz

Großbritannien ist neben dem kleinen Norwegen der einzige unter den westlichen Industriestaaten, der sich mit Erdöl selbst versorgt – jedenfalls unter dem Strich. Denn um die richtige Sortenmischung zu bekommen, exportieren und importieren die Briten Öl. Sie gehören somit beiden Lagern an: dem der Ölverbraucher und dem der Ölproduzenten. Und außer den Norwegern sind die Briten die einzigen in Europa, die bei einem Ausfall der Lieferungen aus dem Krisengebiet am persischen Golf keinen Zusammenbruch ihrer Ölversorgung zu befürchten hätten.

Der Minister hat kürzlich die Grundsätze umrissen, nach denen Großbritannien seine Ölreserven zu entwickeln und auszubeuten gedenkt. Streckung der Vorräte heißt die Parole. Möglichst keine höhere Förderung; als zur Selbstversorgung nötig ist. Howell verteidigt diese Politik, die eher zu einer Dämpfung als zu einer Erhöhung der Produktion in den nächsten Jahren führen wird.

Er hält auch nichts von der Idee, die britischen Ölfelder in der Nordsee in ungebremstem Tempo mit Nachdruck aufzuspüren und auch aufzuschließen, damit Förderpotential geschaffen wird, das im Falle einer Krise rasch angezapft und den EG-Ländern vorrangig zur Verfügung gestellt werden kann. Im "Gegengeschäft" sollten Londons Partner dann Konzessionen in der Agrarpolitik machen. Der Minister fürchtet: "Das kann äußerst teuer und ein Fehlschlag werden. Denn die Ölgesellschaften könnten die Mitarbeit verweigern. Außerdem kann man die Produktion nicht so einfach ein- und ausschalten."

Und eine Bevorzugung der EG-Länder? Howell führt hier die Grundsätze des Freihandels und das Diskriminierungsverbot ins Feld. "Unsere Politik ist: Öl wird in die Märkte aller unserer Partner in der Internationalen Energieagentur (IEA) exportiert und in Länder, mit denen wir etablierte Handelsbeziehungen haben. Einigen IEA-Ländern zu sagen: Bedaure, unsere europäischen Partner haben Vorrang, das bringt uns in Schwierigkeiten und macht auch der IEA Schwierigkeiten." Konkrete Vorschläge zur Koppelung von agrar- und energiepolitischen Kompromissen würde man natürlich prüfen. "Aber die Dinge laufen nicht so. Die gemeinsame Agrarpolitik muß zum Nutzen aller geändert werden."

Die Rufer nach einer gemeinsamen Energiepolitik der EG beachten nach Howell oft nicht, wie eng schon jetzt die Zusammenarbeit ist. Er nennt die Festlegung von Einfuhrgrenzen für Öl, die Entwicklung alternativer Energien, Maßnahmen für Energieeinsparung und – als speziellen Fall – den koordinierten Widerstand gegen die "extravaganten Preisforderungen" Irans zu Beginn des Jahres. Und was die Atomenergie anlangt, so gibt es Überlegungen, sich bei der Entwicklung des Schnellen Brüters an die Kooperation zwischen Frankreich und Deutschland anzuschließen.

Von den Geschehnissen am Golf und der von der Opec formulierten Politik sind sie aber auch dann abhängig, wenn es zu keinen dramatischen Ereignissen kommt. Daß die von Saudi-Arabien empfohlene neue Preisstrategie während der Wiener Opec-Konferenz abgelehnt wurde, betrifft Großbritannien als Ölproduzent unmittelbar. Deren Kernstück war die Bindung der Ölpreise an einen Preisindex für industrielle Produkte. Dadurch sollte die Entwicklung des Ölpreises für die Konsumenten leichter kalkulierbar und voraussehbar gemacht werden. Soll Großbritannien es als Ölproduzent begrüßen, wenn so ein Preissystem entsteht, durch das die realen Erlöse stabilisiert und vermutlich noch gesteigert werden? Schließlich verfügt das Inselreich über Reserven von zwei bis 4,2 Milliarden Tonnen, förderte 1979 rund 78 Millionen Tonnen und exportierte davon 39 Millionen.