Vor dem Hintergrund zahlreicher knapper Wahlsiege in der Geschichte der Bundesrepublik werden sowohl bei den Prognosen im Vorfeld der Bundestagswahlen als auch bei den nachfolgenden Analysen alle Meldungen über eventuelle Veränderungen der Wählergunst besonders aufmerksam registriert. Bei dieser, von den politischen Konsequenzen her natürlich gerechtfertigten, hektischen "Suche nach dem kleinen Unterschied", wie die Wahlforscher Peter Hoschka und Hermann Schunk einmal ironisch formulierten, geraten langfristige Trends in der Entwicklung der Parteianteile leicht aus dem Blick. Auch die nur selten dramatisch zutage tretenden, aber für das Wählerverhalten folgenschweren Umschichtungen in der Gesellschaftsstruktur werden häufig, unterschätzt. Vor allem Gewicht, Richtung, und Kontinuität der sozialstrukturellen Bestimmungsfaktoren des Wählerverhaltens jedoch sind für die Machtzuteilung innerhalb des westdeutschen Parteiensystems verantwortlich.

Die Wahlergebnisse von 1949 bis 1976 (siehe Tabelle I) lassen mehrere eindeutige Trends erkennen. Bezogen auf das Parteiensystem der Bundesrepublik als Ganzes ergibt sich eine übermächtige Tendenz zur Konzentration der Stimmen auf CDU, SPD und FDP. Dies gilt gleichermaßen für Bund, Länder und selbst für die Kommunen. Unterbrochen wurde diese Bewegung der Wähler zu den etablierten Bundestagsparteien lediglich durch das Aufkommen der NPD bei der Bundestagswahl 1969 und durch die Wahlerfolge der Grünen in den letzten beiden Jahren.

Der CDU/CSU gelang schon beim "Wahlwunder von 1953" mit einer Zuwachsrate von 14,2 Prozent auf 45,2 Prozent der Durchbruch zur Volkspartei. Berücksichtigt man, daß die Adenauer-Wahl von 1957 mit 50,2 Prozent und die Brandt-Wahl von 1972 mit 44,9 Prozent mit ihren höchsten und niedrigsten Stimmanteilen deutlich Ausnahmewahlen waren, so zeigt sich, daß die Stimmen der Union seit 1953 auf gleichbleibendem Niveau in einem relativ engen Schwankungsbereich von 3,4 Prozent pendelten.

Die Stimmentwicklung der SPD ist durch ein kontinuierliches Anwachsen gekennzeichnet. Nachdem sie bei den ersten beiden; Bundestagswahlen das "Getto der dreißig Prozent". nicht verlassen hatte, gewann die SPD von einer Bundestagswahl zur anderen jeweils drei Prozent bis über vier Prozent der abgegebenen Stimmen hinzu und wurde 1972 mit einem Stimmenanteil von 45,8 Prozent zur stärksten Bundestagsfraktion. Bei der Bundestagswahl 1976 fiel sie dann allerdings mit 42,6 Prozent leicht unter den 1969 erreichten Stand zurück.

Die Wahlergebnisse der FDP geben einen eindeutigen Trend nicht zu erkennen. In der Koalition mit der Union von 1949 bis 1957 nahm ihr Stimmenanteil von 11,9 Prozent auf 7,7 Prozent ab. Auch in den beiden Wahlen als Koalitionspartner der SPD erging es den Liberalen ähnlich. Gegenüber 8,4 Prozent 1972 fiel sie vier Jahre später auf 7,9 Prozent ab. Ausnahmewahlen waren bei den Liberalen die gegen Adenauer geführte Bundestagswahl 1961 mit dem bislang höchsten Stimmenanteil von 12,8 Prozent und die Wahl von 1969, als sich der Koalitionswechsel bereits andeutete, und die FDP nach breiten Verlusten in ihrer traditionellen Wählerschaft auf einen Tiefstand von 5,8 Prozent abglitt.

Ordnet man die Parteien in der – Frühphase der Bundesrepublik nach ihren ideologischen Positionen, so wird eine bemerkenswerte Kontinuität der Parteiblöcke bis in die Weimarer Republik zurück deutlich. Im Gebiet der heutigen Bundesrepublik erhielten 1928, bei der letzten Reichstagswahl vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise und vor; den Wahltriumphen der NSDAP, die Parteien der Weimarer Linken, SPD und KPD, zusammen 35,9 Prozent der Stimmen gegenüber 34,9 Prozent bei der ersten Bundestagswahl von 1949. Auf christliche, gemäßigt konservative und andere Parteien der bürgerlichen Mitte entfielen 1928 50,9 Prozent gegenüber 59,9 Prozent des Jahres 1949. Dieses politische Muster spiegelt sich bis zur Bundestagswahl 1961 wider. Eine "bürgerliche" Mehrheit prägte das politische Klima der Bundesrepublik bis zur Mitte der 60er Jahre.

Die Entwicklung der bundesdeutschen Parteienlandschaft verweist zum einen auf die Entstehungsgeschichte der Parteien im 19. Jahrhundert, zum anderen auf die umfassenden sozialstrukturellen Veränderungen der westdeutschen Gesellschaft innerhalb der letzten 30 Jahre. Die Parteien der Bundesrepublik, beziehungsweise ihre Vorläufer in der Weimarer Republik und im Kaiserreich, sind als Interessen Vertreter genau abgrenzbarer Bevölkerungsgruppen in Zeiten tiefgreifender wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Konflikte entstanden. Die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten, Arbeiterschaft und Unternehmern, zwischen bildungs- Und aufklärungsbewußtem Bürgertum und traditioneller Lebensart haben die deutsche Parteienlandschaft geprägt. Es entstanden somit dauerhafte Koalitionen zwischen Parteien und bestimmten Wählergruppen. Feste Zuordnungsmuster bestimmten im wesentlichen die Wahlen in der Weimarer Republik und in der Frühphase der Bundesrepublik, und sie werden auch heute noch in der Stammwählerschaft vor allem der beiden großen Parteien sichtbar.