Neue Aufgaben für die soziale Marktwirtschaft

Von Rudolf Herlt

Wir müssen uns von der Vorstellung frei machen, als sei die Wirtschaftswissenschaft in der Lage, den Wirtschaftspolitikern eine detaillierte Blaupause einer Wirtschaftsordnung anzubieten, nach deren Empfehlungen diese dann nur zu handeln brauchten. Andernfalls wäre nicht zu verstehen, was sich auf der Nürnberger Tagung der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften – Verein für Sozialpolitik – abgespielt hat, deren Thema die "Zukunftsprobleme der sozialen Marktwirtschaft" war.

Alfred Müller-Armack, der Vater des Begriffs soziale Marktwirtschaft, schrieb 1952: "Der kritischen Analyse sei ihr Recht in der Wissenschaft nicht bestritten, aber in einer Gefährdung wie der gegenwärtigen wird es auch Aufgabe der Wissenschaft sein müssen, an der Konzeption eines neuen Sozial- und Wirtschaftsstiles mitzuarbeiten, denn es hängt die Erhaltung unserer Kulturform heute wesentlich davon ab, ob es uns gelingt, die rechte Verbindung von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit zu finden." Die in Nürnberg versammelten mehr als siebenhundert Hochschulprofessoren und ihr Troß machten zweierlei deutlich: daß Müller-Armacks Wunsch, eine theoretisch begründete Ordnung für die soziale Marktwirtschaft zu entwickeln, nicht in Erfüllung gegangen ist und daß sein Ziel, Freiheit und soziale Gerechtigkeit miteinander zu versöhnen, nicht mehr allgemein akzeptiert wird.

Das heißt nicht, daß die Professoren der Nationalökonomie heute die Freude an der sozialen Marktwirtschaft verloren hätten – das Gegenteil ist richtig: Sie sind dabei, sie wiederzuentdecken. Auch wäre der Schluß voreilig, sie schätzten das Ziel der Freiheit geringer ein als früher. Sie fragen nur radikaler, ob es denn überhaupt noch um Freiheit und Wohlfahrtszunahme gehe und nicht etwa ganz anderes auf der Tagesordnung der Menschheit stehe, nämlich das Überleben schlechthin.

So sah denn der Münchner Wirtschaftshistoriker Knut Borchert die radikale Antithese zum Konzept der sozialen Marktwirtschaft bei dem aus der DDR in die Bundesrepublik übersiedelten Philosophen Wolfgang Harich. Der hat vor fünf Jahren begründet, warum er es für unerläßlich halte, zur Aufrechterhaltung der langfristigen Lebensbedingungen der Menschen ihre Aktionsmöglichkeiten drastisch zu beschränken und warum dies eigentlich nur in einer stalinistischen Diktatur mit straffer Lenkung möglich sei.

Kann die soziale Marktwirtschaft vor solchen Fragestellungen bestehen? Die Professoren glauben daran. Wie hätten sie sonst über Zukunftsprobleme der sozialen Marktwirtschaft reden können, wenn sie ihr jede Zukunft absprechen? Nein, sie trauen ihr zu, auch mit den wirtschaftlichen Problemen fertig zu werden, die in den achtziger Jahren vermutlich auf uns zukommen werden. Allerdings muß die Wissenschaft an zwei Fronten tätig werden: