Von Karl-Heinz Wocker

Wer in einem englischen Kinobrand umkommt, hat es versäumt, rechtzeitig das Schild zu finden, auf dem exit steht. "Exit" heißt Ausgang, und so nennt sich auch die britische Organisation, die den freiwilligen Abschied vom Leben legalisieren möchte. "To die with dignity", lautet die Parole; mit Würde sterben.

Es geht um das, was man Euthanasie nennt. Darüber wird auf der Insel offener diskutiert als in manchen anderen Ländern. In einer überwiegend protestantischen Gesellschaft herrschen weniger apodiktische Ansichten zu dieser endgültigen Bereinigung der irdischen Bilanz als in einer katholisch dominierten.

Nicht, daß "Exit" eine unumstrittene Rolle in Großbritannien spielte. Diskutieren ist eine Sache, Billigen eine andere. Man könnte auch sagen: Was den Schotten recht ist, muß den Engländern nicht billig sein. Die nördliche Sektion von "Exit" hat nämlich eine 32 Seiten knappe Broschüre veröffentlicht, in der mehrere Möglichkeiten zum freiwilligen Ausscheiden aus dem Leben dargelegt werden, Medikamente zum Beispiel mit Angabe der Dosierung. Man sollte annehmen, alle "Exit"-Anhänger würden eine solche Schrift, die das würdevolle Sterben der medizinisch Todgeweihten an Stelle von künstlich das Leben verlängernden Herz-Lungen-Maschinen und Morphiumpräparaten propagiert, vorbehaltlos begrüßen. Weit gefehlt. Über die Praxis des Selbstmords ist die Organisation, die ihn legal zugelassen sehen möchte, in schwere Bedrängnis geraten.

Die jüngste Konferenz von "Exit" in Oxford stand unter dem Zeichen dieses internen Zwistes. Die Verfasser der gelben Broschüre hatten sich zuvor darüber unterrichtet, inwieweit die genannten Methoden eine Bestrafung nach dem Selbstmordgesetz von 1961 nach sich ziehen könnten. Ihm zufolge darf man beispielsweise nicht das Verabreichen von Überdosen bestimmter Schlaftabletten empfehlen. Vom 12köpfigen Vorstand waren bei der Abstimmung darüber, ob man die Schrift auch in England publizieren solle, acht Mitglieder anwesend. Vier stimmten dagegen, drei dafür, ein Mitglied enthielt sich. Von einheitlicher Willensbildung bei "Exit" kann also keine Rede sein.

Die Basis der Organisation murrte. Ein Vorstand von ,,Exit", der plötzlich gegen Aufklärung über Wege des freiwilligen Abgangs stimmte, schien vielen Anhängern ein Widerspruch in sich selbst. Für die Jahreskonferenz im Oktober sind deshalb Resolutionen eingereicht worden, die dem Vorstand das Vertrauen entziehen wollen. Eine Spaltung von "Exit" droht, und das spiegelt die Komplikation eines jeden Unterfangens wider, das sich vornimmt, eine unpersönliche Entscheidung organisieren zu wollen.

Die umstrittene Broschüre ist vorerst nur in Schottland zugänglich, an rund anderthalbhundert Mitglieder verschickt. Dort herrscht ein anderes Rechtssystem als in England oder Wales. Schotten, angeblich geizig mit allem umgehend, was ihnen eigen ist, dürfen: sich auch leichter von allem trennen.