In diesen Wahlkampfwochen gleicht Bonn dem stillen Auge eines Sturms – wenn es denn ein Sturm ist, was sich "draußen im Lande" ereignet. In die politische Kapitale jedenfalls dringt der Lärm der Stimmenschlacht nur indirekt, vermittelt durch Sendboten, die journalistischen vor allem. Aber das Mosaik der Eindrücke ist natürlich zufällig und willkürlich; wirklich zuverlässige Maßstäbe und kontinuierliche Kontakte fehlen. Wieder einmal, erweist sich, daß die Bundeshauptstadt oft wie im Elfenbeinturm lebt. Das alles führt, gefördert noch . von der üblichen Wahlkampfnervosität, zu labilen Gemütsverfassungen, mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt.

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In der vergangenen Woche zum Beispiel zeigten sich viele sozialdemokratische Gemüter am Boden. Da hatte man es, nicht ohne siegesgewissen Hochmut, seit langem auf einen Hochmut, Wahlkampf angelegt, in dem die CDU/CSU nur am Rande vorkommen sollte. Nun aber tritt eine Opposition auf, die nicht nur recht geschlossen hinter ihrem Matadoren steht, sondern auch sehr aggressiv vorgeht und deshalb eigene Wahlkampfthemen diktierte, von der Staatsverschuldung bis zum "Rentenbetrug". Das war in der SPD-Rechnung nicht vorgesehen.

So bedrückend wurde darum das Gefühl, in die Defensive zu geraten, daß die Selbstkritik schier alles erfaßte – vom eigenen Matadoren bis zu durchaus drittrangigen Problemen. Geriere sich der Wahlkämpfer Schmidt, fragte man sich plötzlich, nicht zu staatsmännisch-moderat, ganz abgesehen von der wiederum nur mühsam unterdrückten Unlust, seine Zeit beim Stimmenfang zu verschwenden?

Und was die drittrangigen Probleme anging: Da war plötzlich von den so inhaltlosen, nur wohlig-warmen Fernsehspots der Partei die Rede oder von dem Plakat mit dem Schmidt-Konterfei: Sehe darauf der Kanzler, zudem in düsteren Farben, nicht so aus, als überlege er insgeheim, wie lange er vor der Photographenlinse noch mit bedeutendem Ausdruck verharren müsse?

Anders hingegen in dieser Woche: Da waren der erste Schreck und Zorn über das Hirtenwort dem Eindruck gewichen, die katholischen Bischöfe hätten damit wohl einen Schuß in den eigenen Ofen getan. Nicht mehr Staatsverschuldung und Rentenprobleme beherrschten die Schlagzeilen, sondern, die Auseinandersetzungen über das Hirtenwort, mit einer wachsenden Zahl von kritischen Stimmen.

Mehr noch: Franz Josef Strauß hatte sich endlich einmal wieder ganz nach sozialdemokratischem Kalkül verhalten und noch: Öl ins Feuer gegossen, mit seiner Behauptung, nach einem sozialliberalen Wahlsieg solle den Kirchen der Geldhahn zugedreht werden. Daß die Leute dies glauben werden, das glaubt die SPD eigentlich nicht. Vielmehr kann nun, am ganz aktuellen Fall, aufs neue die Frage behandelt werden, wie es denn mit der Glaubwürdigkeit des Kanzlerkandidaten steht,