Auf dem HBV-Kongreß in Wiesbaden setzte sich die Regie mit harter Hand durch

Beim "Bunten Abend" konnten die Delegierten ihren Gefühlen einmal freien Lauf lassen. Quizmaster Hans Rosenthal aus Berlin ("Ich bin seit mehr als dreißig Jahren selbst engagierter Gewerkschafter") brachte die Kollegen des 10. ordentlichen Kongresses der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) in Schwung.

Nach dem Motto "Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein", machte sich einer der Teilnehmer beim Rosenthal-Quiz zum Sprecher für viele. Auf die Frage, ob er denn auch noch beim Kongreß ans Rednerpult gehen werde, meinte er trocken: "Ich glaub es kaum, da ist ja alles geregelt." Und unter Anspielung auf die vergangenen Diskussionen im Plenum fügte er hinzu, "das mach ich lieber bei Ihnen, das bringt mehr ein".

Seine Kollegen im Saal quittierten die mutigen Worte mit großem Beifall. Auf sie und die Beobachter auf den Tribünen wirkte die bis ins letzte durchgefeilte Kongreßregie fast beklemmend. Sie ging sogar so weit – so jedenfalls kam es der Frankfurter Rundschau auf den Fluren zu Ohren –, daß ein Delegierter den anderen fragte: "Na, seid Ihr auch durch die Erpressermühle gedreht worden?"

Der Kongreß HBV hörte nämlich zumindest in den ersten Tagen nicht auf, wenn die Lichter in der Rhein-Main-Halle in Wiesbaden ausgingen. Anschließend traf man sich in den Landesbezirken, um die Strategie des nächsten Tages zu besprechen. Und entsprechend wirkte der Verlauf denn auch auf Teilnehmer und Beobachter. "Hier ist doch alles bis ins kleinste abgesprochen", sagte ein Delegierter mit leichter Resignation.

Vor allem bei den Anträgen, die sich mit den Unvereinbarkeitsbeschlüssen gegenüber Kommunisten befaßten, wurde die Kongreßregie überdeutlich. Mit einem Initiativantrag, der sich ganz allgemein mit dem Verhältnis von "Einheitsgewerkschaft und Parteien" befaßte, brachte der Vorstand die sprichwörtliche Kuh vom Eis. Eine inhaltliche Auseinandersetzung über die von der HBV stets bestrittene Unterwanderung wurde so gestoppt.

Nur Gisela Brudereck, eine Delegierte aus Oldenburg, hatte noch den Mut, den Antrag ihrer Kollegen, der den Ausschluß der Kommunisten aus der HBV forderte, zu begründen. Und das, obwohl noch in der Nacht zuvor von anonymen Anrufern gewarnt worden war, "daß es sie auch noch erwischen würde", eine Anspielung auf den Oldenburger HBV-Geschäftsführer Horst Albers, ihren ehemaligen Chef, den der Vorstand vor einigen Wochen vom Amt suspendiert und gekündigt hatte.