Sind die Blüten der alternativen Lebensformen schon verwelkt, bevor sie "Politik" werden konnten? War alles nur eine Episode, ein Jugendtraum? Traditionelle Themen haben die Schlagzeilen zurückerobert. Im Schatten der Afghanistan-Intervention feiern konventionelle "harte" Lösungen wie Boykott, Sanktionen und neue Strategiegespräche unfröhliche Urstände. Der Themenwechsel hat, so schien es bislang, die junge Diskussion um "sanfte" Lösungen in ihre Nischen zurückgedrängt.

Daß die Suche nach sanften Alternativen am Beginn eines neuen Jahrzehnts durchaus berechtigt und zu Politik im strategischen Sinne werden kann, versuchen

Freimut Duve, Heinrich Böll, Klaus Steack (Hrsg.): "Kämpfen für die sanfte Republik. Ausblicke auf die achtziger Jahre"; rororo aktuell 4630, Rowohlt Verlag, Reinbek 1980; 190 S., 5,80 DM

nachzuweisen. Mit ihnen stemmen sich Liberale und Humanisten, Journalisten und Politologen (24 an der Zahl – zumeist in Briefform) den Tendenzen der letzten Monate entgegen, die "sanfte Republik" im Visier.

Aber was soll das werden? Die Herausgeber haben Gegenentwürfe zum "betonierten Industriestaat", Träume für eine sanfte Republik von ihren Mitstreitern erbeten, die über die aktuellen Zwänge hinausreichen. Modische Etikettierungen behängen als Antwort scheinbar Vertrautes. Überraschende Inhalte zu alten Themen werden darunter sichtbar – zur "Sanften Verteidigung", zur "Sanften Lösung der deutschen Frage", zur "Sanften Nachbarschaft" und zur Frage "Wie wir so unsanft werden konnten." Dazwischen liegt ein breites Feld sanfter Entwürfe zur skeptischen Frage: Wie entwerfen wir eine sanfte Republik, angesichts des starr Geradlinigen, des Gewachsenen, des Kruppstählernen, das sich wieder biegen und beugen soll: "Liebe Freunde, die Vision ist erfreulich, der Weg dahin aber dürfte fürchterlich werden."

Ein empfehlenswertes Buch, gerade auch für Leute aus Politik und Administration, aus Staat und Wirtschaft. Warum ist keiner dabei? Ist vielleicht die Unterstützung des Brachvogels im Kampf gegen die Großtechnik allein mit Visionen nicht das Geschäft der Macher? Möglich ist es, aber diese Visionen sind sympathisch, machen bislang Unbegehbares ein Stück begehbarer, geben denjenigen, die "allgegenwärtige Fluchttendenzen" sehen, neue Hoffnungen. Die allzu frühe Konfrontation dieser Hoffnungen mit dem politischen Alltag birgt die Gefahr, daß das so liebenswürdige Pflänzchen einer sanften Lebensweise verwelkt, ehe es sich entfalten konnte.

Das Konzept der Herausgeber sollte aufgeben, trotz aller "Weltpolitik" die notwendige Hoffnung auf sinnvolle Fortschrittsperspektiven weiterzuentwickeln. Andere werden allerdings sagen, die gesellschaftliche Isolation dieser Gegenentwürfe ist noch nicht überwunden.

Otto Ulrich