Ein kleiner Herr. Freundlich, sehr liebenswürdig. Ein wenig zuckt er zusammen unter den Hammerschlägen, die der Arbeiter dem rostigen Stück Kunst verpaßt. Die Stahlplatten des Robert Morris sind derbes Handanlegen gewohnt. In seinem italienisch aufgerauhten Englisch erklärt der kleine Herr, daß ihn an der Kunst der letzten zwanzig Jahre vor allem fasziniert habe, wie sie, sich auf unser Leben, auf Alltagserfahrungen eingelaufen, Er erklärt das ganz leise so, als wolle er die Arbeit an der Kunst neben sich nicht stören.

Der Kunstsammler Graf Giuseppe Panza di Biumo ist nach Düsseldorf gekommen, weil es von den "Düsseldorfer Kunstinstituten" heißt, sie hätten "ein langjähriges Interesse an einer möglichst umfangreichen Ausstellung von Werken der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre aus der Sammlung Panza". Das langjährige Interesse an einer möglichst umfangreichen Ausstellung dokumentiert sich nun in einer Auswahl von sieben Künstlern mit 34 Arbeiten. Ein Teil wird Mitte Oktober ausgetauscht werden. Gezeigt wird, was vom langjährigen Interesse an einer möglichst umfangreichen Sammlung übriggeblieben ist, in der Kunsthalle und in einem Werk- und Lagerraum der dem Kunstmuseum benachbarten Stadthalle. Zu anderen Jahreszeiten werden dort die Karnevalswagen der rheinischen Jecken montiert.

Jürgen Harten, Direktor der Kunsthalle, hat die Freude, den Grafen aus dem oberitalienischen Varese als "einen der größten Sammler zeitgenössischer Kunst" begrüßen zu dürfen. Leider sei der ursprüngliche Plan nicht zu verwirklichen gewesen, eine Aktionseinheit zwischen Stadt und Land zustande zu bringen. Schmalenbachs Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen sieht erst im kommenden Jahr Möglichkeiten, sich der Frühkapitel der Sammlung Panza anzunehmen. Die Gründe dafür beschreibt Harten als "äußerst kompliziert". Etwas später ersetzt er das Wort durch "administrativ". Leider auch sei der Katalog nicht rechtzeitig fertig geworden. Der hätte zusammen mit der möglichst umfangreichen Ausstellung belegen sollen, was bislang nur "Fama eines nahezu unerschöpflichen Reservoirs an Kunstwerken" ist. Daran also wird sich zunächst nichts ändern. Graf Panza di Biumo bedankt sich auf seine freundliche, sehr liebenswürdige Art für die gute Aufnahme, die er hier in Düsseldorf gefunden habe.

Panza gehört zu jenen paar Leuten, ohne die es die Kunst in den letzten beiden Jahrzehnten wesentlich schwerer gehabt hätte und manches Künstlerprojekt unverwirklicht geblieben wäre. Was für Ströher Beuys, für Ludwig alles von Pop an aufwärts war und ist, das ist für den Grafen, der in Mailand mit Immobilien handeln läßt, jene Kunst, die unter den niemals gültig definierten Begriffen "Konzept" und "Minimal" rangiert. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Ludwig hat Panza nie mit globaler Neugier gesammelt. Während vor dem Zugriff des Aacheners eines Tages nicht einmal mehr DDR-Ateliers sicher waren, beschied sich der Italiener mit einem strengen Segment der neueren Kunst. Von dem allerdings glaubt der Sammler, daß ihm kunstgeschichtliche Bedeutung zukomme wie vielleicht nur noch der Renaissance. Und als man da noch einmal nachsetzt, um sich abzusichern, daß kein Hörfehler vorliegt, wird der Graf knapp und bestimmt: "Kein Zweifel!"

Giuseppe Panza di Biumo muß es wissen; denn niemand sonst hat so viel Anschauungsmaterial zusammengebracht. Die Beispiele, die in Düsseldorf zu sehen sind – Werkgruppen von Joseph Kossuth, Brice Marden, Lawrence Weiner, Robert Ryman, Carl Andre, Robert Morris und Donald Judd – ergeben zusammengenommen ein fast schon museal anmutendes Tableau. Wo landauf, landab die große malerische Geste wieder gefeiert wird, nehmen sich die Verknappungen, Bescheidungen und Rückführungen der Minimalkünstler und die gescheite Sinnlichkeit der Konzeptkunst geradezu historisch fern aus. Es ist in dem etwas getragen andächtigen Aufbau wie ein Erinnerungsfest an eine Epoche, der der Sammler säkularen Rang zumißt und die sich auch dem, der sie "nur erlebt" hat, in starken Eindrücken erhalten hat. Ein Rückblick also, vielleicht auch ein Neuversuch mit einem Kunstprogramm, das, obschon seine Entstehung immer bezogen blieb auf die doch vertrauten industriellen Produktionsweisen, letztlich unzugänglich schien und auch unter den willigen Parteigängern der Avantgarde nur partielles Engagement mobilisieren konnte.

Beachtung fanden die kargen Kunstangebote ja erst spät, als offenkundig geworden war, wieviel fatales Einverständnis doch in der Popart die heraldische Inszenierung der Konsumkultur barg. Die Konzept- und Minimal-Künstler haben zwar den Banalgegenstand nicht wieder gegen künstlerische Luxusthemen eingetauscht, aber ihr Verhältnis zu den Trivialerfahrungen war doch von Widerspruch gekennzeichnet. Die Armut ihrer Mittel war gegen die Atemlosigkeit optischer Reize gesetzt, gegen das diffuse Signalement aus der Umwelt. Verlangt war Konzentration, bündelte Aufmerksamkeit. Statt Sensation die Sinnlichkeit von Präzision und System. Statt retinaler Befriedigung Kopfarbeit und visuelle Nachdenklichkeit. Statt Handschrift die apparative Logik. Statt auratischer Schöpfungsakte schlichte Ausführungsbestimmungen – abzugeben in der Fabrik.

Kunst, die – zum Massenzuspruch nicht geeignet – stets Zorn und Leidenschaft gleichermaßen aufrief. Am leidenschaftlichsten wohl hat sich Giuseppe Panza für sie verwandt. Seine Sammlungstätigkeit begann Mitte der fünfziger Jahre. Zunächst noch unter dem Eindruck des europäischen Nachkriegs-Existentialismus. Schon die ersten Käufe (Jean Fautrier und später Antoni Tàpies) zeigen, daß sich Panza nie so sehr an den Stars der Szene orientiert hat. Sein Interesse galt mehr dem abseitigen Werk, den privaten Obsessionen. Mithin der "schwierigen", schwer konsumierbaren Kunst. Dabei hat Panza nicht spektakulär gesammelt, nicht flächendeckend, aber ungemein beständig. Er habe oftmals aus Unkenntnis gekauft – in der Absicht, Kunst und Künstler genauer kennenzulernen. Manches, wovon er nur Ahnungen gehabt habe, einen Verdacht, vielleicht einen ersten Eindruck, das habe sich dann in der unmittelbaren Anschauung, in der Auseinandersetzung bestätigt. Aber geirrt habe er sich auch immer wieder.