Von Karl-Heinz Janßen

Man mußte Schlimmes befürchten. Das Todesurteil gegen den südkoreanischen Oppositionsführer Kim Dae Jung war nur noch eine Formsache. Der Militärankläger vor dem Gericht der Generäle in Seoul hatte es schon vorher ausgesprochen: Für einen Politiker, der den Umsturz plane, dürfe es keine mildernden Umstände geben, er müsse von dieser Erde "für immer" entfernt werden. So reden Staatsanwälte in einer Diktatur, so redeten sie früher auch einmal in unserem Lande.

Kim, der vor zehn Jahren als ein "koreanischer Kennedy" auszog, die Diktatur zu Fall zu bringen, und seither vom Geheimdienst mit tödlichem Haß verfolgt wurde, war zum Mythos des demokratischen Widerstandes geworden, ehe ihn die Militärs, nach einem allzu kurzen Frühling der Freiheit, im April erneut einkerkerten. Er stand dem neuen Machthaber, General Chun Doo Hwan, im Wege. Ihn galt es zu beseitigen, zur Abschreckung für alle, die nach der blutigen Niederwerfung des Aufstandes in Kwangju auch nur auf den Gedanken kommen sollten, daß sich neu festigende Machtmonopol von Militärs und Großbourgeosie herauszufordern.

Kaum hatten sich im Winter, nach der Ermordung des Diktators Park, die Geheimpolizisten vor Kims Haustür zurückgezogen, da meldete sich schon grollend ein General zu Wort: Niemals werde das Militär zulassen, daß ein Politiker mit kommunistischem Hintergrund Präsident werde. Mit der Ideologie eines undifferenzierten Antikommunismus hat das Regime im Süden des geteilten Korea seine Repression gegen Andersdenkende seit eh und je gerechtfertigt. Unsinnigeres konnte man dem Oppositionspolitiker Kim kaum nachsagen, diesem Katholiken und Liberalen, der hierzulande auf dem linken Flügel der CDU zu finden wäre, einem Mann, den Präsident Carter noch im letzten Jahr im Hausarrest aufsuchte, einem Kandidaten, dem das Bürgertum, als es sich zwischen Weihnachten und Ostern auf eine Liberalisierung und freie Wahlen einzustellen begann, zwei Millionen Dollar an Parteispenden zusteckte. Kim wurde denn auch nicht mehr als Kommunist, sondern nur noch als Aufrührer bestraft.

Aber auch für diesen Vorwurf – Kim und seine 23 Mitangeklagten sollten die Studentenunruhen im Mai inszeniert haben – gab es nicht den Schatten eines Beweises. Was die Anklage vorzuweisen hätte, waren einzig durch Folter erzwungene "Geständnisse" der Angeklagten. Zwei Monate lang war Kim in einen Keller eingesperrt worden, ohne daß ihn Anwälte oder Angehörige besuchen durften. Jeden Tag wurde er fünfzehn Stunden lang ununterbrochen verhört: Man riß ihm die Kleider vom Leibe und drohte ihm fürchterliche Qualen an, bis er die Belastungen nicht mehr ertrug und alles unterschrieb, was man von ihm verlangte.

Mit gespielter Entrüstung verbat sich das Außenministerium in Seoul nach dem Urteil die "Einmischung" des Auslandes: Kim habe doch einen fairen Prozeß bekommen. Doch kann davon keine Rede sein. Kim vermochte nicht einmal einen Verteidiger eigener Wahl zu finden. Kurz vor Beginn des Prozesses wurden zwanzig Bürgerrechtsanwälte verhaftet; fünfzig andere Anwälte weigerten sich, aus Angst vor Verfolgung, ein Mandat anzunehmen. Die Militärs machten kurzen Prozeß. Die Pflichtverteidiger hatten ganze sieben Minuten Zeit, sich mit ihrem Mandanten zu bereden. Das Gericht ermahnte die Angeklagten, nicht mit weitschweifigen Reden Zeit zu verschwenden. Nach knapp anderthalb Tagen war die Vernehmung des Hauptangeklagten bereits beendet. Nur sechs Minuten dauerte die Verlesung des Urteils, nur zwei Tage brauchte der Generalstabschef, um das Urteil zu bestätigen, obschon sich in Seoul inzwischen die Protesttelegramme aus aller Welt stapelten.

Noch sind nicht alle Rechtsmittel ausgeschöpft, noch darf Kim hoffen, die Proteste und Sanktionsandrohungen aus dem befreundeten westlichen Ausland würden ihn vor dem Strick bewahren. Bislang fühlte er sich "in Gottes Hand". Immer wieder entging er auf wunderliche Weise den Anschlägen seiner Todfeinde: Im Wahlkampf 1971 wurde sein Wagen auf verkehrsarmer Straße von einem Armeelaster gerammt – Kim kam mit einer Hüftverletzung davon. 1973, im japanischen Exil, wurde er am hellichten Tage von fünf Agenten der koreanischen CIA aus einem Hotel in Tokio entführt; als die Kidnapper den mit Betonklötzen an Armen und Beinen beschwerten Körper ins haifischverseuchte Meer werfen wollten, tauchte unversehens ein Hubschrauber auf (vermutlich nach amerikanischer oder japanischer Intervention) – Kim wurde in Korea an Land gebracht und lag schließlich mit verbundenen Augen neben seiner Wohnung in Seoul. Im Gefängniskrankenhaus rieten ihm die Ärzte wieder und wieder zu einer Hüftoperation – er widerstand, aus Angst vor tödlichen "Experimenten" des Geheimdienstes.