Von Rolf Zundel

Auf den ersten Blick fällt nur das Kuriosum ins Auge: Der hitzige Streit, den Kanzler und Kandidat im Wahlkampf ausfechten, hat sich am Hirtenbrief der Bischöfe entzündet. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Ein Beweis mehr also für die These, daß diesem Wahlkampf die großen Themen fehlen, daß Scharmützel zu großen Schlachten ausstaffiert werden und daß am Ende eben doch alles auf das Personenduell hinausläuft: Helmut Schmidt oder Franz Josef Strauß?

Merkwürdig ist immerhin, daß der Hirtenbrief, den der Kanzler zunächst eher mit brummigem Desinteresse registriert hatte, ihn nun zu relativ harschen Kommentaren getrieben hat. Und die Reaktion des Kanzlers ist gewiß nicht aus einem altmodischen antiklerikalen Affekt zu erklären. Daß er 1945 viel von den Kirchen erwartet und erhofft hatte und daß er auch später auf ihre normenbildende Kraft setzte – dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch seine Äußerungen. Allerdings hat er auch immer die eigenständigen Bereiche staatlicher Tätigkeit und kirchlicher Verkündigung, das "Abstimmbare" und das "Unabstimmbare" säuberlich und manchmal fast schon zu schablonenhaft getrennt. Wie ihn Elend und Verheißung des linken Historizismus nie gestreift haben (als Träger einer Entwicklungsidee hat Schmidt den Staat nie begriffen), so ist ihm auch die Vorstellung mancher Konservativer vom Staat als Büttel kirchlicher Moral fremd geblieben. Im zweiten Punkt steht er Strauß im übrigen gar nicht so fern; der Bayer hat sich in seinen Anfangsjahren im Kampf gegen den klerikalen Flügel der CSU durchgesetzt.

Wahrscheinlich hat Schmidt am meisten gewurmt, daß das eine Institution der Bundesrepublik, die er wie viele andere – die Gewerkschaften, die Unternehmer – durch öffentliche Anerkennungund durch intensive nichtöffentliche Gespräche in Partnerschaft eingebunden glaubte, ohne Vorwarnung ausbrach. Er hat das fast wie einen "Vertrauensbruch" empfunden – einen Angriff auf jene, abseits der lauten ideologischen Auseinandersetzung still, funktionierende Konsensbildung, die er mit viel Sorgfalt pflegt: das Gespräch unter Vernünftigen, der Leute, die wissen, worauf es ankommt.

Der Kanzler hat gewiß nicht seine aggressiven Instinkte verloren; nicht nur, wie er bei einer Fernsehsendung einen aufgeregten CSU-Fragesteller niederkartätschte, zeugt davon, auch wie er die Chance wahrnahm, den Hirtenbrief zur politischen Offensive zu nutzen, ist ein Beweis dafür. Aber das Wort von der "guten Nachbarschaft", das in seinen Reden immer wiederkehrt, ist mehr als nur eine rollengerechte Selbststilisierung. Er setzt tatsächlich auf breite Integration – sogar auf Kosten politischer Bedürfnisse seiner eigenen Partei, Auch die Kirche gehört zu seinem "Modell Deutschland".

Strauß versucht, die Botschaft der Bischöfe auf seine Weise zu nutzen; sie paßt in sein Konzept der grundsätzlichen Wende in der Politik, er bedient sich der Schubkraft der konservativen Gegenreformation, um den Konsens aufzusprengen, und er radikalisiert. Das Hirtenwort gerit ihm zum Beleg einer von der Regierungspolitik unterdrückten Wahrheit, und Schmidts Kritik an den Bischöfen führt ihn fast zwangshaft zum Vergleich mit der Kirchenpolitik der Nazis: "Das ist noch gut in Erinnerung, wie die Machthaber damals die Kirchen in die Gotteshäuser einsperren wollten. So Liedermacher denen scließlich auch behauptet, er habe "sichere Informationen aus der SPD-Spitze, daß die SPD der Kirche den Finanzhahn zudrehen will", so wird das Bild einer konsequenten Freund-Feind-Strategie komplett.