Von Klaus Viedebantt

Hugh Hefner und seine Playboy-Hasen hatte Mr. Wheeler den braven Leuten von Resolute versprochen, doch die 160 Eskimos hatten den großmäuligen Egozentriker aus Las Vegas ohnehin nicht sonderlich ernst genommen. So waren sie auch nicht enttäuscht, als im April 1978 ein Dutzend älterer Herrschaften ohne jegliche Playlife-Ambitionen auf dem nördlichsten Flughafen des internationalen Liniennetzes landeten.

Immerhin, der Schaumann, der sich selbst als "Abenteurer-Philosoph" bezeichnet, hatte es fertiggebracht, die erste Touristengruppe für einen Trip zum Nordpol zusammenzubekommen. Gut 70 Jahre, nachdem Peary mit seinem Hundeschlitten, und ein Jahr, nachdem erstmals ein russischer Atom-Eisbrecher den Pol erobert, hatte, sollten klickende Touristenkameras auch die Einvernahme dieses äußersten Erdenpunktes für Vergnügungsreisen markieren.

Diese ersten beiden Versuche gingen daneben. Das Wetter spielte nicht mit, und die driftenden Eisschollen über dem Ozeanpunkt Nordpol ließen keine Landung zu. Die zweimotorige Twin Otter mit der Handvoll Polsüchtiger mußte zurückfliegen nach Lake Hazen, dem Basiscamp der Tour, das Bazel Jehudason aus Resolute für sein junges, arktisches Touristengeschäft gemietet hat. Aus den Kerosinfässern, die den meisten Raum in dem fliegenden Arbeitspferd einnahmen, wurde der Treibstoff während des Fluges in die Tanks umgepumpt: neun Stunden Flug ohne Toilette an Bord und ohne Polvisite.

Die Geschichtsschreibung der touristischen Eroberung des Nordpols ist, basierend auf Heimatzeitungen und Augenzeugenberichten, widersprüchlich. So war es entweder der zweite oder der dritte Versuch, auf dem magischen Punkt zu landen, der mit Erfolg gekrönt war. Dem Calgary Albertan zufolge ward dieser Meilenstein menschlicher Reiselust am 30. Juli 1978 kurz nach Mitternacht und in strahlendem Sonnenschein gesetzt. Der Pilot war Bob Platt aus Edmonton, 43 Jahre alt und seit zehn Jahren auf Arktisflüge spezialisiert. Erster auf dem Eis war der Reiseleiter, der mit seinem Handgepäck flugs hinter einer Eisscholle verschwand und Minuten später als Santa Claus in rotem Mantel und mit Rauschebart seine Passagiere begrüßte – nach amerikanischem Kinderglauben ist der Weihnachtsmann am Pol zu Hause. Dann wurde die Kiste mit dem Champagner und dem Kaviar ausgeladen, und die Besucher aus dem Mittleren Westen hißten ihre mitgebrachten "Stars and Stripes" fürs Familienalbum.

Mittlerweile sind die Nordpoltouren für die Bürger von Resolute schon fast Routine, zumal man in der kleinen Gemeinde auf der Eismeerinsel Cornwallis, unmittelbar an der tragikumsponnenen Nordwestpassage gelegen, ohnehin schon an alle Arten von Polarabenteurern gewöhnt ist. Elf Touristengruppen haben sich bislang ohne Expeditionsanspruch auf die beschwerliche Reise nordwärts gemacht – mit Pauschalprogramm, aber ohne Polgarantie. Von den vier Gruppen des vergangenen Jahres erreichten zwei ihr Ziel, zwei gingen immerhin in der Nähe des Pols jenseits des 85. Breitengrades zum Champagnerfrühstück nieder.

Der Opernsängerin Mildred Brown aus New Jersey war das nicht genug, sie hat es in diesem Jahr noch einmal, probiert – wieder erfolglos. Überhaupt war 1980 kein sonderlich erfolgreiches Jahr für Poltouristen: Ein Landeversuch mit der guten, alten DC-3 schlug fehl, eine Gruppe von Funkamateuren bekam keine Chance, aus der Position Längengrad 0-360 zu senden. Kein Glück hatten auch die Fallschirmspringer, die die letzten Meter zum Pol mit eigener Schwerkraft erreichen wollten, aber nur irgendwo am 84. Grad niederschweben konnten. Jene fünf Ballonfahrer, die ihren Heißluftapparat neben dem Pol ausladen konnten, schafften so immerhin, einmal als polarer Fahrstuhl aufzusteigen, um darob wieder im Flugzeug in wirtlichere Gefilde zu enteilen.