Zweiundfünfzig konservative, bürgerliche und links-engagierte Schriftsteller wollen zukünftig nicht mehr in Springer-Zeitungen mitarbeiten.

Hinaus aus der Stadt mit dem Schuft" – Karl Kraus’ berühmtes Plakat gegen seinen Erzfeind, den Verleger Bekessy, prangend in ganz Wien, wird heute zwar oft und gern als witziges Mutwort zitiert. Aber es ist Geschichte – da darf man. Peter Rühmkorf, in einer spektakulären Rede während des Bremer PEN-Kongresses, in der er Kollegen ermunterte, bei Zeitungen des Springer-Konzerns nicht mitzuarbeiten (auch nicht qua Interview oder "Schildern-Sie-Ihr-Arbeitszimmer"-Feuilletons), maß diese historische Entfernung gleich selber aus: "Ich werde mich schön hüten, wie seinerzeit Karl Kraus zu befinden... Es genügt mir, gerade noch sagen zu dürfen, so viel wage ich nicht." Was er dann sagte über die "rechte Krawallklitsche mit Monopolcharakter, ein Skandalstadl in Konzernform", war bitter und angebracht genug. Wahr ist: Axel Cäsar Springer, einer der genialsten und erfolgreichsten Verleger der Nachkriegszeit, besitzt noble Antiquitätensammlungen, elegante Häuser, in denen er etwa die englische Königin empfangen kann; eine – nur eine von seinen vielen – noble Zeitung besitzt er nicht, eine Mehrzahl der deutschen Schriftsteller mag dort nicht empfangen werden. 1967 unterschrieben 107 Autoren, Gäste der Gruppe 47, eine solche Resolution (und vergaßen inzwischen gelegentlich diesen Rötli-Schwur). Jetzt finden sich nicht nur "zu erwartende" Namen auf Rühmkorfs Liste – Böll und Biermann, Grass, Jens, Kipphardt und Wallraff etwa –, sondern sehr überraschende Signaturen: Siegfried Lenz und Hans Mayer, Peter Härtling und Gert von Paczensky beispielsweise.

Hier ist also etwas vorgefallen, hat sich mehr ereignet als das Zusammenrotten von ein paar Unter-Schriftstellern zum allfälligen Protest-Skandälchen der beginnenden Saison oder die zu beschmunzelnde Attitüde von Leuten, die etwa eine Party-Einladung ablehnen, die sie nie erhielten – denn gewiß waren viele dieser Autoren (darunter der Schreiber dieser Zeilen) nie in Gefahr, Angebote aus dem Hause Springer zu erhalten. Hier haben 52 Autoren und Filmemacher (Faßbinder, Kluge, Schlöndorff), also jene Künstler zumeist, deren Namen man heute auch im Ausland nennt, wenn von deutscher Kultur die Rede ist, eine politische Entscheidung getroffen. "Wir schreiben nicht für Springer, weil der in seinen Blättern praktizierte Journalismus den Grundsätzen der Demokratie hohnspricht. Wir schreiben nicht für Springer, weil in seinen Zeitungen immer wieder Kollegen von uns diskriminiert und verleumdet werden." – Diese Sätze sind kein Warenboykott für eine Gauklerindustrie, die sich Rohstoff gewiß anderswo beschaffen kann. Sie sprechen Verachtung aus für Menschenyerachtung und Denunziation. Sie kündigen, einmal mehr, die Gesprächsbereitschaft auf.

Peter Rühmkorf, regelmäßiger Mitarbeiter der nicht direkt linksextremen FAZ, sagte, wem da gekündigt wird: "Es sind nur immer wieder andere Personen, die gerade wieder mal ins Schußfeld geraten, vorgestern vielleicht ein radikalmoralistischer Schriftsteller, ein vom Geiste aufgeklärter Toleranz durchglühter Senator, ein furchtlos eigensinniger Theaterleiter, gestern ein bekenntnisstarker Fernsehredakteur, ein engagierter Filmemacher, ein wagemutiger Museumsleiter, heute ein aus dem Rahmen fallender Hochschullehrer, ein von der Freiheit eines Christenmenschen Gebrauch machender Kirchenmann, ein unbürokratischer Innenminister."

Bedauerlich? Ein Beitrag zur kulturellen Verödung, zur Dialoglosigkeit unserer Gesellschaft? In der Redaktion der ZEIT gab es, wie immer, auch dazu kontroverse Diskussionen; daß Autoren wie Wolfgang Bächler oder Kurt Sontheimer keine jugendlichen Hitzköpfe oder Greise in kurzen Hosen sind, weiß man. Aber kann man nicht für das jeweils unliebsame Publikationsorgan–ob Vorwärts oder Bayernkurier – schlichtweg nicht schreiben, ohne daraus eine Aktion zu machen? Aber "Streik"? Rühmkorf ein protestantischer Walesa aus Oevelgönne? Ja, in gewisser Weise ist ein Streik ausgerufen; und Streiks haben ja – auch – Signalwirkungen, zeigen einen gesellschaftlichen Entzündungsprozeß an. Der Sinn der Unternehmung liegt nicht so sehr darin, Springers Lesern Siegfried Lenz’ nächsten Roman als Fortsetzungsabdruck oder Ivan Nagels Theaterkritiken vorzuenthalten; alle Beteiligten kommen gut ohne einander aus. Der Sinn des Protestes liegt in seinem ersten Satz: "Wir schreiben nicht für Springer, weil er die Leser betrügt, wenn er behauptet, überparteilich und unabhängig zu sein."

Fritz J. Raddatz