Von Rudolf Herlt

ZEIT: Der britische Botschafter in Bonn, Sir Oliver Wright, sagte kürzlich, Europa sei eine der Säulen, auf denen die britische Außenpolitik ruht. Auf dem Kontinent haben jedoch viele Leute ernste Zweifel, ob Großbritannien wirklich zu Europa steht. Haben sie nicht recht?

Gilmour: Ganz gewiß nicht. Es gibt zwei Gründe, diese Behauptung zurückzuweisen. Der. erste wird sicher in Deutschland gut verstanden. Wir haben eine große und außerordentlich gut ausgerüstete Rheinarmee, eine Luftwaffe und leisten einen Beitrag zu den Seestreitkräften. Wir haben also beträchtliche Streitkräfte, die voll der Nato unterstellt sind. Wir sind sogar das einzige europäische Land, das alle nur denkbaren strategischen, taktischen und nuklearen Waffen im Heer, in der Luftwaffe und in der Kriegsmarine der Nato unterstellt. Das alles würden wir nicht tun, wenn wir uns nicht Europa voll verpflichtet fühlten.

Den zweiten Grund hat die Regierung wirklich klargemacht: Wir stehen voll zu unserer Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft. Wir hatten den Eindruck, daß bei unserem Beitritt die Regelungen des Gemeinschaftshaushalts total unangemessen waren. Ich wage zu sagen, auch in Deutschland hält man sie jetzt nachträglich nicht ohne Grund für unangemessen. Wir sollten bei weitem den größten Beitrag zum Haushalt bezahlen, obwohl wir in der Wohlstandsskala der europäischen Länder an siebter Stelle stehen; zur gleichen Zeit haben wir unsere Hilfe an die armen Länder, wie übrigens alle unsere öffentlichen Ausgaben einschließlich der Sozialausgaben, zu Hause beschnitten. Es war unmöglich, das den Menschen in Großbritannien zu erklären.

Deshalb hielten wir es für lebenswichtig, daß der Haushaltsbeitrag, der nicht zu verteidigen war, geändert wurde. Ich bin glücklich, daß dies mit der Hilfe der deutschen Regierung und anderer Regierungen gelungen ist. Während wir für eine Reform der Haushaltsbeiträge kämpften, ließen wir – anders als einige Abgeordnete im Unterhaus – keine Zweifel darüber aufkommen, daß wir voll zu Europa stehen. Wir sind der Gemeinschaft beigetreten – eine Entscheidung, die das britische Volk 1975 in einem Referendum bestätigt hat. Wir stehen voll zu unserer Absicht, in der Gemeinschaft zu bleiben.

ZEIT: Gut – aber ich denke an die Stimmung im Lande. Erst vor wenigen Tagen wurde auf dem Gewerkschaftskongreß um Haaresbreite eine Resolution verhindert, die die Regierung auffordern sollte, aus der Europäischen Gemeinschaft wieder auszutreten. Übrig blieb dann aber immer noch die Aufforderung, in einem neuen Referendum das Volk über den Austritt entscheiden zu lassen. Ist das nicht peinlich für die Regierung?

Gilmour: Nein, wir können nicht ein Referendum nach dem anderen veranstalten. Was entschieden ist, ist entschieden. Natürlich gibt es in diesem Lande eine Anzahl von Menschen, die wieder austreten möchten, und zwar aus verschiedenen Gründen. Einige von ihnen wollen das, weil sie sehr weit links stehen und es nicht gern sehen, daß Großbritannien enge Beziehungen zu Westeuropa hat, während sie selbst eine weit größere Affinität zu Osteuropa haben. Andere wieder glauben, daß der einzige Weg zur Lösung der britischen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Importkontrollen seien, erkennen aber, daß eine solche Politik innerhalb der EG nicht möglich ist. Also wollen sie austreten.