Von Erwin Northoff

Mit exotischen Vorstellungen, mit Phantasiegemälden von abenteuerlichen Expeditionen verbinden viele Menschen das Studienfach Ethnologie. Doch die Ethnologie ist alles andere als ein Traumberuf. Die Universitäts-Institute sind überlastet; es mangelt an Arbeitsplätzen. Nur 200 Völkerkundler üben heute ihren Beruf aus. Die Zahl der Studenten, die Ethnologie als Hauptfach belegt haben, liegt mehr als zehnmal so hoch, bei 2000 bis 3000. Daran wird sich auch in absehbarer Zukunft nur wenig ändern.

Völkerkunde, Ethnologie – Cultural and Social Anthropology im englischsprachigen Raum –, schon auf der Suche nach einer einheitlichen Fachbezeichnung beginnt die Verwirrung. Verständigt man sich dann auf das Wort Völkerkunde oder Ethnologie, lassen Assoziationen das Berufsbild in allzu grellen Farben schillern: Südseeromantik, Zivilisierung von Primitiven, Kopfjagd, Zauberei und Rassenlehre. Solche Vorurteile machen der Völkerkunde noch heute, im Zeitalter des Massentourismus und weltweiter Kommunikation, zu schaffen.

Völkerkunde ist eine Wissenschaft, die ihren Ursprung schon im klassischen Altertum hat: mit der Beschreibung fremder Völker. Später waren es vor allem Reisende, Kolonialbeamte und Missionare, die über andere Kulturen und Gesellschaften berichteten. Aus dieser noch formlosen Masse der Untersuchungen, die zunächst der Geschichtsschreibung und der Geographie zufloß, gewann die Ethnologie um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts erste Gestalt – organisatorisch: verfestigt durch die Gründung von Museen und ethnologischen Gesellschaften.

Heute heißt es lapidar: Völkerkunde ist die Wissenschaft von den Kulturen der Völker. Sie geht von unterschiedlichen menschlichen Verhaltensweisen in verschiedenen Gesellschaften aus und versucht, Verschiedenheiten und Ähnliche keiten zu erklären. Der Vergleich geschieht nicht zum Selbstzweck. Vielmehr soll gezeigt werden, wie bedingt und begrenzt die verschiedenen Kulturen einschließlich der eigenen Gesellschaft sind. Völkerkunde ist also auch ein Beitrag zur Selbsterkenntnis. Sie soll falsche Vorstellungen und Vorurteile abbauen über das, was uns fremd erscheint und außerhalb der vermeintlichen Norm liegt.

Traditionell untersucht die Ethnologie außereuropäische Stammesgesellschaften, ihre Techniken und Gesellschaftsformen. Darüber hinaus sind aber in letzter Zeit die Probleme der Entwicklungsländer und ihre Abhängigkeiten von den Industrienationen ins Blickfeld der Ethnologie gerückt. Immer häufiger berücksichtigen die Wissenschaftler auch Minderheitenprobleme in industriell entwickelten Ländern. Die Lebensgewohnheiten und die schwierige Eingliederung von ausländischen Arbeitnehmern und Zigeunern sind für die Völkerkundler nicht länger Tabubereiche.

Galten Ethnologen früher als "Reisende in Exotik" mit ausgeprägter, aber zusammenhangloser Sammelmanie, so leben sie heute – ähnlich wie Einwanderer – über einen längeren Zeitraum in einer fremden Kultur. Diese Methode der Datengewinnung ist die "Feldforschung". Die Wissenschaftler müssen sich vor Ort mit dem Alltagsleben dieser Kultur, mit der Bedeutung von Sprache, Gesten und Gegenständen auseinandersetzen. Teilnehmende Beobachtung, die Sammlung von Gegenständen und Bodenfunden, Interviews, Tests, Soziogramme, Bild- und Tonaufnahmen sollen umfassende Erkenntnisse über die Lebensweisen ethnischer Gruppen vermitteln. Hier wird die Nähe der Völkerkunde zu Nachbarwissenschaften wie Soziologie, Geschichte, Geographie und Psychologie deutlich.