Nach dem ersten Zorn darüber, daß der Kanzlerkandidat Strauß mit dem Hirtenbrief allerhöchsten Segen für seine Verschuldungsvorwürfe an die Adresse der Regierung erhielt, scheint sich nun bei den Sozialdemokraten Erleichterung darüber einzustellen, wie Strauß daraus Kapital schlagen möchte. Der Kandidat der Christdemokraten, der sich die "Prälaten und Oberkirchenräte" immer gern vom Leibe hielt, entdeckt in der SPD nun den Kirchenfeind; diese nennt ihn einen "Lügner".

Strauß stützt sich, um die These vom drohenden Kulturkampf zu illustrieren, auf "sichere Informationen aus der SPD-Spitze", die besagten, "daß die SPD der Kirche den Finanzhahn zudrehen will". Der Staat solle, so die angeblichen Pläne, die Kirchensteuer nicht mehr einziehen, und die Bürger sollten sie möglicherweise auch nicht mehr von der Steuer absetzen können.

Keine Seite ruft das Gericht an, was doch nahe läge. Strauß nicht, denn er müßte den Wahrheitsbeweis antreten; die SPD nicht, denn sie würde sich für den Wahlkampf, solange ein Verfahren schwebt, selber den Mund verbieten. Und wer weiß denn, wie Beleidigungsverfahren vor Gericht enden?

Wie man auch von einem Journalisten nicht verlangen könne, seinen Informanten preiszugeben, so will auch Strauß die Quelle seiner "sicheren Informationen" für sich behalten. Zur Ehrenrettung eines einigermaßen seriösen und glaubwürdigen Berufsstandes muß man allerdings sagen, daß Journalisten es sich nicht erlauben könnten, Gerüchte mit so eindeutiger politischer Zielrichtung und solcher potentiellen Breitenwirkung als Tatsachenbehauptungen in die Welt zu setzen. Das wäre Kampf Journalismus.

Als Kronzeugen stehen Strauß vorläufig nur Friedrich Zimmermann und Edmund Stoiber bei. Daß die SPD "Rechtspositionen" der Kirche abbauen wolle, wie Stoiber sich einfallen läßt, ist schon deshalb unsinnig, weil das ohne Einvernehmen mit Kirche und Ländern nicht ginge. Der Rest der Stoiberschen Argumente liefert allenfalls Stoff für den satirischen Aspekt dieses Zwists. Unter diesem Gesichtspunkt wird man auch sehen müssen, wie Strauß seine Informationen wertet. "Der Wind hat mir ein Lied erzählt", ließ er neuerdings seine Zuhörer im Wahlkampf dazu wissen – und im übrigen hätte er die Informationen selber nicht für glaubwürdig gehalten, wenn Schmidt sich nicht angeschickt hätte, die Kirche zu maßregeln.

Wahr ist, daß Helmut Schmidt im ersten Zorn "die Herren" vom Episkopat daran erinnerte, es gebe kaum ein Land, in dem die Kirchensteuern vom Staat erhoben würden. Das klang drohend, aber es zielte auf eine gewisse Doppelbödigkeit im Verhalten der Oberhirten und einer wohlsituierten, ja saturierten Kirche, die nun wirklich kaum zu übersehen ist.

Pläne dagegen, das Kirchensteuersystem Zu ändern, gab und gibt es nicht. Das scheue die SPD, sagt der Liberale Verheugen mit Recht, "wie der Teufel das Weihwasser". Bei Schmidt wie in der SPD überhaupt hat das Argument Tradition, so finanzierte "Volkskirchen" wie hierzulande seien Kirchen vorzuziehen, die auf die Spenden ihrer Mitglieder angewiesen seien und deshalb auch leicht in die Abhängigkeit von reichen Geldgebern gerieten. Im Prinzip drängt die FDP zwar traditionell auf Unabhängigkeit von Kirche und Staat, und sie sähe auch gern eine Abkehr vom Steuersystem, aber immer wenn es konkret wird, scheut sie das Weihwasser. Kirchenfeindlich? Eher ist es verwunderlich, wie konsequent die SPD ihr Konzept vom Dialog mit den Kirchen trotz der wachsenden Tendenz zu Orthodoxie und Veränderungsfeindlichkeit im Episkopat über die Jahre hinweg verfolgte. Nicht einmal der Verlockung ist die SPD erlegen, sich mit der "Kirche der Kapläne" gegen die "Kirche der Bischöfe" zu verbünden.