Fabriken ohne Menschen sind noch Utopie

Von Richard Gaul

Nichts bewegt sich. Zwei fingerdicke Kupferzähne scheinen auf etwas zu lauern – zum "Biß" bereit verharren sie in Augenhöhe des Betrachters. Mit einem Ruck wenden sie sich silbern schillerndem Blech zu, dem Seitenteil der Rohkarosserie eines Mercedes. Der Metallarm, der die Kupferzange hält, zuckt vor, die Zähne beißen in das Metall, Funken sprühen, die Zähne Öffnen sich – ein Schweißpunkt ist gesetzt.

Systematisch "fressen" die Zähne sich weiter, Schweißpunkt auf Schweißpunkt wird ins Blech gebrannt. Dann schnellt der Arm zurück, die Zange dreht sich wieder zum Betrachter, die Arbeit ist getan – bis die nächste Autoseite anrückt.

"Damit schlagen wir die Japaner", sagt Werner Niefer, der Produktionschef von Daimler-Benz. Das "damit" meint die Roboter, die in Sindelfingen die Karosserien der neuen S-Klasse zusammenschweißen. Es meint darüber hinaus all die anderen Maschinen, die das Unternehmen benutzt, um seine Personenwagen zusammenzubauen; es meint den Stand der Automation, der in Stuttgart erreicht ist.

Industrieroboter, frei programmierbare Maschinen, die sich mit ihren Greifern in mehreren Achsen bewegen können, gelten inzwischen als Symbol für fortschrittliche Technologie – vor allem in der Automobilindustrie. Das Schlagwort von, den "japanischen Roboter-Fabriken" macht die Runde – und es beschreibt die Wirklichkeit ebenso spektakulär wie falsch.

Gemeint sind fast menschenleere Werkhallen, in denen Maschinen scheinbar selbständig arbeiten. Das aber gibt es nicht nur in Japan. Wer heute ein neues Werk baut, wendet solche Verfahren überall in der Welt an. Und "Roboter" spielen dabei, ob in Japan, in den USA oder in der Bundesrepublik, zwar eine immer größere, aber noch lange nicht die entscheidende Rolle.