Vor der Weltwährungskonferenz in Washington: Starke Kräfte wollen den Fonds umfunktionieren. Das Ergebnis wäre gefährlich

Die ölproduzierenden Länder und die von ihnen erpreßten Entwicklungsländer bereiten beinahe unbemerkt einen Großangriff auf den Internationalen Währungsfonds vor. Ein Erfolg würde alle Bemühungen stabile tätsbewußter Regierungen über den Haufen werfen. Mit einer vernünftigen Lösung der Ölpreiskrise wäre es dann vorbei. An die Stelle einer gesunden Mischung aus Anpassungen an die neuen weltwirtschaftlichen Gegebenheiten und vorübergehender Finanzierung der Schulden, die viele Länder wegen ihrer hohen Ölrechnung aufnehmen müssen, soll nämlich nach Ansicht der Angreifer die bedingungslose Schuldenfinanzierung allein treten.

1980 werden sich bei den Opec-Ländern Dollarüberschüsse in Höhe von 114 Milliarden ansammeln. Sie fehlen bei den Ölverbraucherländern und reißen große Löcher in deren Devisenkassen. Selbst die starken Industrieländer dürfen das nichtauf die leichteSchulter nehmen. Dramatisch wird es jedoch bei den ölimportierenden Entwicklungsländern. Viele von ihnen sind schon jetzt hoch verschuldet. Sie wissen nicht mehr, woher sie die Devisen zur Bezahlung ihrer Ölrechnung nehmen sollen. Daß sie sich dennoch mit ihren Peinigern aus der Opec solidarisieren, zeugt entweder von einer totalen Verkennung ihrer Interessen oder, was wahrscheinlicher ist, von massivem politischen Druck, dem manche von ihnen ausgesetzt sein mögen.

Diese unheilige Allianz ist in mehreren Stoßkeilen zum Angriff auf den Währungsfonds angetreten. Dort kann jedes Land, das mit seiner Quote den Mitgliedsbeitrag bezahlt hat, mit der eigenen Währung Devisen kaufen und in besseren Jahren zurückzahlen. Es gibt verschiedene Töpfe, aus denen solche Kredite bedingungslos finanziert werden. Bis zu einer bestimmten Höhe werden sie auch aus dem Haupttopf ohne nähere Prüfung wie ein Überziehungskredit beim Girokonto gewährt; Wer aber mehr haben will als 125 Prozent seiner Quote, muß ein umfassendes Sanierungsprogramm vorlegen, damit sichergestellt ist, daß der Defekt, der zum Kreditbegehren führte, auch repariert wird.

Diese Reparaturauflagen lieben die Regierungen gar nicht. Sie machen zu Hause unpopulär. Deshalb liehen sich die Entwicklungsländer nach 1974 die nötigen Devisen lieber auf den Euromärkten bei den Banken, weil diese von ihnen kein Gelübde wirtschaftspolitischen Wohlverhaltens verlangten. Aber die Banken können auch nicht mehr so, wie sie gerne möchten. Sie müssen sorgfältig prüfen, ob das kreditsuchende Land nicht schon bis zur Halskrause verschuldet ist. Deshalb treten sie neuerdings kürzer.

Da wird der Währungsfonds bald die letzte Zuflucht sein. Nach Ansicht des Generalstabs der unheiligen Allianz: muß allerdings das Ärgernis zu Fall gebracht werden, daß einem Schuldnerland wirtschaftspolitische Auflagen gemacht werden können. Gelänge dies, würde aus dem Währungsfonds ein Selbstbedienungsladen.

Wie sind die Erfolgschancen der Angreifer? Leider nicht schlecht. Nur die US-Regierung und die deutsche Bundesregierung wenden sich entschieden gegen das Aufweichen des Grundsatzes, hohe Kredite mit Auflagen zu verknüpfen. Die US-Regierung kann mit ihrer Sperrminorität entsprechende Beschlüsse im Fonds verhindern; doch wer weiß, ob die nächste Regierung sie verhindern will. Die Bundesregierung könnte einen Beschluß nur gemeinsam mit den Stimmen Frankreichs und Großbritanniens blockieren. Paris und London lassen aber Bonn in dieser Frage im Stich. Der Währungsfonds als Inflationsmaschine ohne Bremspedal – dieser Alptraum ist leider nicht mehr ganz auszuschließen. Rudolf Herlt