Gleich nach dem Krieg hat Sartre ein paar schnelle Berichte’ zur Lage geschrieben, die, Nebentexte zwar, schlagend bis zur Hellsichtigkeit sind. Man wird, dieses Bändchen lesend, den Eindruck nicht los, daß diesem Präzeptor eine handgreifliche Themenstellung oder eine Frage des Tages zuträglicher waren als die länger angelegten, von Spekulationsketten durchzogenen und von einer oftmals selbsttätigen Rhetorik beherrschten Traktate. Nicht zufällig hat Edmund Wilson dem Journalisten Sartre sein Lob gezollt. Sartres Stärke, man kann auch sagen: die von ihm ausgehende Verführung, lag stets in der Anschaulichkeit, im Beharren auf Beispielen und in der Art und Weise, wie er solche Beispiele von verschiedenen Blickpunkten her zu beleuchten wußte. Mitunter verkörpert das Beispiel Dinge, denen ein ohnehin nicht immer zuverlässiger Begriffsapparat schwerer beikommt: der kleine Poulou, den ein Haarschnitt in ein Monstrum verwandelt, der Breton in "Was ist Literatur", der als surrealistischer Quietist hingestellt wird, die Figur der Mathilde Bonaparte in "Der Idiot der Familie".

1944 hat Sartre sieben Tage lang in der Zeitung Combat eine Reportage veröffentlicht, eher eine Reihe von Schnappschüssen aus einem Alltag, der nur stellenweise von Kriegshandlungen unterbrochen wird. Eben haben Angehörige der "Forces Françaises de l’Intérieur" einen deutschen Lastwagen in Beschlag genommen. Diese Streitkräfte sind bislang gesichtslos gewesen: "Man glaubt an sie mit aller Kräften, aber man kennt sie nicht. Handelt es sich um ein paar Vorgefechte an einzelnen Stellen, wie einigenoth hoffen, oder wird der Aufstand sich allgemein ausbreiten? Die Conciergen stecken die Nase zu ihrer Tür heraus, die Leute, die in ihrem Eßzimmer vor den Überresten ihrer mageren Mahlzeit träumen, gehen in Hemdsärmeln auf die Mahlzeit

Als an die zwanzig deutsche Soldaten den Senat verlassen, bleibt die Menge still. Plötzlich bestreichen die Deutschen Fahrbahn und Gehsteige mit einer Maschinengewehrsalve. "Sie nennen das mit einem eleganten Ausdruck Säuberung." Zwei Frauen fallen, einem alten Mann wird die Schulter durchgeschossen.

Ein verdecktes Pathos, das hier nicht unangebracht ist, hält die Augenblicksaufnahmen zusammen. "Es ist schwierig", so heißt es über die Zeit der Besatzung, "den Eindruck spürbar zu machen, den diese menschenleere Stadt erwecken konnte, dieses Niemandsland, das vor unsere Fenster geklebt war."

Die Deutschen tragen, gespenstisch und körperlos; in einem, zur Alpkulisse bei. Ausgiebig ist von den Kollaborateuren die Rede: "Jedes Volk hat seine Hefe." Ein Doriot und, vor allem, ein Drieu de la Rochelle werden haarscharf abgehandelt, derart, daß die Denunziation in Begründungen umschlägt. Schließlich zerlegt Sartre die Résistance in eine Reihe von Stichproben, die das Heroische nur mittelbar wiedergeben. Erst hat sich die Résistance hinter dem Alltag versteckt, um ihn dann, "festlich", wie Sartre sagt, zu dirigieren: Wehren mußte man sich, auf welche Weise immer, schon um der Selbstachtung, mehr noch: um des Sich-Gewahrwerdens willen.

Das Pathetische ist den Ereignissen angemessen. Bei weitem aber herrscht Nüchternheit vor, die Hand in Hand mit den Schwarzmalereien aus der Besatzungszeit geht. Das Sartre sich nicht zu Bilderbuchvorstellungen hinreißen ließ, macht den Rang dieser sechs Artikel aus. Sie tragen jene Geschichtlichkeit zur Schau, von der er später in langen Perioden, weniger bildhaft also, zu sprechen pflegte.

rororo 4593, Rowohlt Verlag, Reinbek, 1980; 94 S.; 4,80 DM. Hans Platschek