Siemens sucht auf dem amerikanischen Markt das Wachstum, das in Europa verlorengeht

Werner F. Zieler hat beim deutschen Elektrokonzern Siemens eine Position, für die es bisher dort kein Vorbild gab. Dem 54jährigen Manager, der Gelassenheit mit Beharrlichkeit verbindet und der sich fast zwanzig Jahre lang in Südafrika und Pakistan für seine Firma abgestrampelt hat, ist nun eine Aufgabe zugefallen, die ebenso aufreibend wie prestigeträchtig ist: Als President der Siemens Corporation, der Dachgesellschaft des deutschen Multi in den USA, soll er das in den vergangenen Jahren sprunghaft gewachsene Geschäftsvolumen seines Hauses auf dem größten Elektromarkt der Welt weiter ausbauen.

Von seinem Hauptquarier in Iselin im Staat New Jersey (eine Autostunde vom Zentrum New Yorks entfernt) aus gebietet er über fünfzehn Gesellschaften, zu denen fünf Beteiligungen mit einem Siemensanteil von fünzig oder weniger Prozent kommen. Dabei weiß er, daß Siemens, in der Weltrangliste der Elektrobranche fünfter, sich auch künftig in den USA mit einer, gemessen an seiner sonstigen Bedeutung, bescheidenen Rolle begnügen muß. Während der Konzern mit einem Umsatz von rund 31 Milliarden Mark in Deutschland einen Marktanteil von 16 Prozent hat, in Europa auf acht und weltweit auf zwei Prozent kommt, ist es in Amerika immer noch weniger als ein halbes Prozent.

Auch mit dem Bekanntheitsgrad der Firma ist es, wie Zieler einräumt, in der Neuen Welt noch nicht weit her. Der Zollbeamte fragt gelegentlich noch; Siemens – ist das nicht der Möbelhändler, aus New York?". Dieser heißt Seamens und ist mit seinem Werbeslogan "Sea-Sea-Seamens first" weit bekannter.

Für die Fachwelt gilt das natürlich nicht. Es gibt beispielsweise kaum einen Radiologen oder einen Fernmeldetechniker, für den Siemens kein Begriff wäre, auch in Amerika. Und nach einer Werbekampagne in einem Nachrichtenmagazin hat man mit Befriedigung festgestellt, daß der Bekanntheitsgrad bei der Leserschaft von 38 auf 48 Prozent zunahm. Für Werbung gibt die Mannschaft in Iselin zusätzlich zu den in der Branche drüben üblichen ein Prozent vom Umsatz noch einmal soviel aus, die aber vom Stammhaus übernommen werden; denn Anzeigen in amerikanischen Publikationen mit internationaler Verbreitung kommen ja auch dem weltweiten Image zugute. Im übrigen scheut sich Zieler nicht, mit verschmitztem Lächeln zuzugeben, daß etwa auch ein Rechtsstreit mit den amerikanischen Kartellbehörden, bei dem es um die Übernahme einer Firma geht, Publicity verschaffen kann, die gut fürs Geschäft ist.

Bis etwa 1970 hatte sich Siemens in Amerika (wo der Konzern im vorigen Jahrhundert schon einmal eine Kabelfabrik in Chicago betrieb, die aber 1890 abbrannte und nicht wieder aufgebaut wurde) allein auf Spezialitäten beschränkt, die durchweg importiert wurden. Dieses Handelsgeschäft in bestimmten Marktnischen brachte gut hundert Millionen Dollar. Dann erkannten die Konzernstrategen, daß man nicht länger kleckern, sondern schon klotzen müßte, wenn das Engagement einen Sinn haben sollte – zumal sich zu dieser Zeit niedrigere Wachstumsraten in Europa abzeichneten und es nicht zu verantworten war, den wirtschaftlich und politisch stabilen US-Elektromarkt – dreieinhalb mal so groß wie jener der Bundesrepublik – länger als "nebensächlich" anzusehen.

Zieler spricht zwar von einer "Politik der kleinen Schritte". Aber es wurden in den vergangenen zehn Jahren doch 250 Millionen Dollar in neue Fabriken, Beteiligungen und Kooperationsprojekte investiert. Der Umsatz der Siemens-Corporation und ihrer Mehrheitstöchter kletterte bis zum Geschäftsjahr 1978/79 (30. September) auf 408 Millionen Dollar. Im laufenden Jahr hat das Wachstum mit wieder zwanzig Prozent angehalten. Einschließlich neu erworbener Firmen macht das Plus sogar sechzig Prozent aus. In den Büchern werden 1979/80 einschließlich der anteiligen Umsätze dieser Akquisitionen an die 560Millionen Dollar stehen, davon dreißig Prozent mit steigender Tendenz aus eigener Produktion, ein Sechstel davon bereits Export. Zielers Prognose vom Frühsommer, daß man bis 1985 die erste Dollarmilliarde anpeile, wird vom Termin her "weit überschritten" werden. Der erste Durchbruch ist geschafft.