Von Fritz J. Raddatz

Da müssen Sie Theo fragen, da kann Ihnen nur Theo helfen“ – diese Antwort kennt jeder in Mitteleuropa, der detaillierte Auskünfte oder entlegene Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung haben will. Ob das „Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ vom 12. bis 16. Oktober 1896; ob Franz Mehrings verschollene Broschüre „Herrn Hardens Fabeln“ von 1899; ob Kurt Sauerlands nie wieder aufgelegtes Buch „Der dialektische Materialismus“ oder die frühen Dramen von Wittfogel: Theo hat es, Theo weiß es, Theo leiht es.

Der höchst jugendliche Einundsiebzigjährige ist eine Instanz, sein Leben wirkt – erzählt er davon – wie eine Dokumentation der Links-Bewegungen dieses Jahrhunderts. Sohn eines bankrott gegangenen Bankfachmanns und einer bei Reinhardt und mit Wedekind aufgetretenen Schauspielerin, trat er 1923 in eine Schülerbewegung ein, die sich bald „Freibund“ nannte und in der man schon 1925/26 Diskussionen über Marxismus und christlichen Sozialismus durchführte. Von da zur kommunistischen Jugendbewegung und von der zur KPD war es ein kurzer Weg: Wilhelm Pieck persönlich nahm den Sohn aus der Bürgerbohème 1929 in die Partei auf. Da lebte Theo Pinkus schon zwei Jahre in Berlin, hätte eine Buchhändlerlehre bei Ernst Rowohlt absolviert und arbeitete in Willi Münzenbergs „Neuem deutschen Verlag“. Über die Geschichte und die Interna der legendären AIZ (Arbeiter Illustrierte Zeitung), die ihr Gesicht John Heartfield zu verdanken hatte, hält Pinkus heute noch Vorträge vor Studenten oder in Museen.

Nach der ersten Haussuchung im Januar 1933 riet ihm der Schweizer Botschafter: „Jude, Kommunist und Ausländer – das ist ein bißchen viel. Fahren Sie weg.“ Pinkus ging in die Schweiz zurück, wurde Redakteur der Schweizer Ausgabe der Inprekor (Internationale Presse-Korrespondenz, Organ der Kommunistischen Internationale). Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit gründete er – mit 1000 Franken – 1940 den „Büchersuchdienst“ – Beginn des „Empire“ Theo Pinkus.

Ob Bibliotheken; Wissenschaftler oder Journalisten, Archivare oder Referenten von Politikern – sie alle kennen die Qual, daß bestimmte Bücher nicht zu finden sind. Pinkus baute im Laufe der Jahre einen auf der Welt einmaligen Informationsdienst auf, der heute 60 bis 70 Anfragen täglich beantwortet und der eine „Trefferquote“ von rund 10 Prozent hat, entweder indem er die Bücher im eigenen Antiquariat führt, sie anders nachweisen kann oder in der inzwischen entstandenen „Studienstiftung“ besitzt.

So sehr seine politische Laufbahn im Zickzack verlief – 1943 Ausschluß aus der illegalen KPS, 1950 Ausschluß aus der SP, heute zwar Mitglied der PDA (Partei der Arbeit), aber ohne Enthusiasmus: „Eine Partei ist eine Straßenbahn, die benutzt man als Vehikel, aber man identifiziert sich doch nicht mit ihr“, sagte er kürzlich zu mir –, so sehr also rein organisatorisch Pinkus’ Parteiexistenz wechselvoll war, so konsequent ist er den eigenen Überzeugungen treu geblieben. „Ich bin links, aber ich verurteile den Einmarsch in Prag, und schon 1948/49 haben wir in unserer Zeitschrift Zeitdienst für Jugoslawien und gegen die Anti-Tito-Hetze Stellung genommen.“

Ein sonderbarer Mann, dessen weiße Mähne und stets von „Infos“, Plakaten, Aufrufen und Unterschriftenlisten überquellende Aktenmappe überall auftauchen – auf der Leipziger wie auf der Frankfurter Buchmesse, im Café Einstein in West-Berlin oder bei Max Frisch im Tessin. Er sprudelt von Ideen, sammelt immer gerade Geld für irgend etwas, kann – wie ein literarischer Agent – die Verlagsrechte für Eduard Fuchs oder Walter Mehring oder Traven besorgen, konnte die Rechte am Werk von Georg Lukács – „Na, der wohnte doch in Berlin neben mir, Friedrichstraße 129; unter fünf Stunden kam man nie weg, die mußte man zuhören“ – bei Luchterhand plazieren und wußte auch Rat für Ernst Bloch, als der ihn verzweifelt fragte: „Ich habe da so ein dickes Manuskript, können Sie’s mir nicht unterbringen?“ Theo half, und „Das Prinzip Hoffnung“ erschien.

Theo kannte die Leute, er kannte ihre Bücher, er war nach dem Krieg der fast einzige Pendler zwischen Ost und West, er durfte in Ost-Berlin von Marcuse sprechen (mit dem er eng befreundet war) und in Zürich die DDR-Ausgabe von Pablo Nerudas „Der Große Gesang“ in Erich Arendts Übersetzung verkaufen. Er kaufte eine Turnhalle voller Bücher auf, die die Tschechen den Nazis und später die Nazis den Tschechen (und später noch einmal umgekehrt) weggenommen hatten. Im Westen gab es seinerzeit nicht nur kein Wort von Marx, es gab auch keine Anna Seghers, keinen Arnold Zweig – von jüngeren DDR-Autoren zu schweigen. Der Eiserne Vorhang war ziemlich dicht – Theo Pinkus unterlief ihn.

Weil das damals niemand wagte, entstand neben dem Antiquariat ein kleines Sortiment, daraus wiederum später ein kleiner Verlag: Im Limmat-Verlag-Genossenschaft erschienen 1979 nicht nur Kinderbücher (als DDR-Lizenz), sondern auch so wichtige Dokumentationen wie „Die unheimlichen Patrioten – politische Reaktion in der Schweiz“ oder „Inseln der Zukunft – Selbstverwaltung in der Schweiz“.

Ein solches Selbstverwaltungsmodell entwickelt und realisiert zu haben, ist Theo Pinkus’ großer Stolz, darin sieht er – zu Recht – seine eigentliche Lebensleistung. Das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seine Privatbibliothek von knapp 20 000 Bänden und der gesamte Bestand des Antiquariats, Zigtausende der wertvollsten Bücher und Zeitschriftenjahrgänge, ein Millionenwert – hat er verschenkt. Das, so scheint mir, ist mehr als ein Traktätchen-Sozialismus, ist vielmehr nahezu beschämende Konsequenz aus politischen Ansichten.

Die „Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung“ ist in ihrer juristischen Konstruktion so verwinkelt wie die Straßen von Zürichs Altstadt: Als 1956 nach dem Niederschlagen des Budapester Aufstands Tausende ungarischer Flüchtlinge in der Schweiz Obdach fanden, gab es einen scharfen Rechtsruck in der Öffentlichkeit. Der linke Literaturtheoretiker Konrad Farner beispielsweise wurde physisch bedroht, sein Haus belagert. Pinkus wurde mit seinem Antiquariat, Büchersuchdienst und Zeitdienst gekündigt, nirgendwo konnte er mieten. So wurde, mit geborgtem Geld, ein Haus in der Froschaugasse gekauft. Als er 1971/72 die Stiftung ins Leben rief, war das Haus in der Froschaugasse mindestens eine Million wert. Er schenkte es der Stiftung – und schildert die Aktion eher in schweijkschen Tönen: „Zufällig erfuhren wir von einem verwahrlosten Haus in einer verwahrlosten Trödlergasse, in der Froschaugasse – heute ist sie ja bald eine Boutiquenstraße –, das zu haben sei. Aber wir hatten keine Ahnung, wie man ein Haus kauft, und wir wollten auch nie so etwas machen, da es im Widerspruch zu unseren kommunistischen Auffassungen stand. Wir haben uns 30 000 Franken für die Anzahlung zusammengepumpt; die Hypotheken übernahm schließlich die Gewerkschaft VHTL (Verband der Handel-, Transport- und Lebensmittelarbeiter), in der ich damals 25 Jahre Mitglied war. Jetzt waren wir Hausbesitzer! Wir haben eine großartige solidarische Hilfe erlebt: Bauarbeiter- und Schreinergenossen richteten das Haus so her, daß es das Antiquariat aufnehmen konnte. Das war sehr imponierend damals. Auch das Verhalten des VHTL, den man schwer angegriffen hätte, wenn das publik geworden wäre. So bin ich vom Klassengegner nicht nur gezwungen worden, selbständig zu werden, sondern auch noch – in der antikommunistischen Pogromstimmung von 1956 – Hausbesitzer zu werden, was dank gewerkschaftlicher und Genossen-Hilfe gelang. 1971/72 haben wir die ‚Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung’ gegründet und das Antiquariat in eine Genossenschaft umgewandelt. Wir haben das Haus – dessen Boden inzwischen eine unheimliche Wertsteigerung erfahren hat –, die Bibliothek mit etwa 12 000 Bänden und die Firma der Stiftung geschenkt. Die 17 Leute der Firma, Genossenschaftler ohne Anteile, kauften dann der Stiftung die Firma mit der ganzen Einrichtung für 300 000 Franken ab, mit einem Kredit, den ihnen die Stiftung gab. Sie müssen diesen Kredit nie zurückzahlen, er kann laut Verträgen und Statuten gar nie zurückgezahlt werden, sofern sie drei Bedingungen erfüllen: erstens fortschrittliche Bücher vertreiben; zweitens die Selbstverwaltung beibehalten; drittens die Studienbibliothek der Stiftung unterstützen. So lange das funktioniert, bleibt der Kredit als zeitloser zur Verfügung und ist in Form von Büchern an die Studienbibliothek zu verzinsen. So bin ich als Kommunist nach einer dreißigjährigen Irrfahrt als Kleinkapitalist sozusagen wieder zum Ursprung zurückgekehrt und konnte das, was mir durch die Bodenspekulanten zufällig zufiel – und auch dadurch, daß das Geschäft eine gewisse Größe erhalten hatte – in den Dienst dessen stellen, was ich eigentlich wollte.“

Da hat jemand nicht nur seinen Marx, sondern auch seinen Brecht gelesen; was Pinkus mit dieser Stiftung geleistet, an Arbeitsmöglichkeiten „gestiftet“ hat, ist einmalig und vorbildlich. Das Haus sinkt unter der Last der Bücher fast zusammen, allein 1300 Zeitschriften sind in kompletten Jahrgängen vorhanden oder – um eine Kuriosität zu erwähnen – zehn „Geschichten der KPDSU“, jede „neu redigiert“.

„Wer Klassiker ist, bestimmen wir“, sagt Pinkus, wenn er einen nicht ohne Stolz die gewundenen, vollgestopften Treppen hinauf- und hinabführt, „für mich sind die Utopisten wie Gramsci welche.“ An den „Dorfheiligen“ Marx – Engels – Lenin vorbei geht’s zu den „Erzengeln“ Lukacs, Bloch, Marcuse – alles komplett, jede Erstausgabe, jeder Nachdruck, jede winzige, entlegene Broschüre von Münzenberg. Ich kenne außer Feltrinellis Mailänder Stiftung und dem Amsterdamer Institut für Sozialgeschichte keine Bibliothek dieser Fülle und dieser unideologischen Vielfalt. Das Leben eines Mannes, seine Lese- wie Sammelwut sind hier papiernes Monument geworden.

„Und hier ist unser Lesesaal“, sagt stolz Amalie, seit 45 Jahren mit Theo Pinkus verheiratet und mit ihm in der politischen Arbeit verbunden (und, oh Gleichberechtigungstheorie, 1943 auto-Kachelofen und wackeligen Tischen, jeder Stuhl „Sammelgut“ – aber hier sitzen Tag für Tag Studenten aus Deutschland, Italien, England oder sogar aus der DDR; sie könnten ihre Themen nicht bearbeiten ohne diesen Wackeltisch, Sperrmüllstuhl – und ohne Theos Bücher.

Viele wissen das inzwischen. So hat Max Frisch einen seiner Preise gestiftet, der an der FU Berlin lehrende Schweizer Soziologe Urs Jaeggi und andere Professoren spenden Beiträge, ein deutscher Literaturwissenschaftler hat bereits jetzt seine Bibliothek von etwa 10 000 Bänden testamentarisch vermacht. Einer von Pinkus’ Söhnen allerdings – dessen Erbe der Vater ja verschenkte mit dieser großzügigen Stiftung – hat vor Gericht dagegen geklagt; praktizierter Sozialismus ist immer eine heikle Sache. Doch der jugendliche Einundsiebzigjährige läßt da nicht mit sich reden. Was er verdient, geht in die Stiftung – deren Jahresetat von etwa 50 000 Franken damit aber nicht gedeckt wird. Doch Pinkus lacht auf seine unverwechselbare Weise über solche Fragen: „Deshalb nennt ihr mich doch alle den Schnorrer, das weiß ich doch.“ Spricht’s, verabschiedet sich und schwingt sich auf sein altes Fahrrad; „Wozu brauch ich ein Auto? Haben Amalie und ich nie gehabt. Wir haben sowieso zuviel, ich kriege ja noch eine Rente. Das kann ich für mich gar nicht verbrauchen – ein Drittel davon geht an die Stiftung, monatlich.“