Ulm

Der Rektor der Universität Ulm, Professor Detlef Bückmann, entwickelt sich zum obersten Zensor. Schon vor Wochen wollte er die Verteilung eines Info-Blättchens des Son-~~~~~ ~~~~~~~~~~ orthotherapeutische Prozesse" auf die Hochschule beschränken. Nach außen, zum Beispiel in Journalistenhände, sollte die Schrift auf Anordnung des Rektors nicht gelangen. Er begründete den Schritt mit dem Alleinvertretungsanspruch des Rektors in publizistischen Belangen. Freilich geriet er beim Sprecher des SFB, Professor Helmut Baitsch, an die falsche Adresse: Man lasse sich das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit nicht beschneiden, ließ Baitsch über seine Sekretärin dem Kollegen Rektor mitteilen. Seitdem kommen die SFB-News ungehindert heraus.

Weniger Glück hatte jetzt der neugewählte Ulmer Asta. Die von ihm verfaßte Einführung für Studienanfänger, eine 50seitige Broschüre, wurde letzte Woche zum größten Teil in der Uni-Druckerei konfisziert. Rektor Bückmann hatte es so gewünscht, nachdem ihm einige Passagen sauer aufgestoßen waren. Man sucht in der Informationsschrift allerdings vergeblich nach schlimmen, gar strafwürdigen Beiträgen. Höchstens ein paar rotzige, zum Teil überzogene Bemerkungen sind zu finden. Aber genau die hatte Bückmann herausgegriffen.

Hier ein paar Leseproben der Broschüre: "Ein weiteres Mauschelgremium ist der Verwaltungsrat." Oder: "Da beim Universitätsbauamt von den Planern eine Mensa vergessen wurde ..." Und schließlich wurde den Studenten angekreidet, daß sie die unbefriedigende Entwicklung der Ulmer Universität auf nicht ausdiskutierte Konflikte in der Gründerzeit zurückführten.

Die Info-Hefte lagen Mittwoch letzter Woche unter Verschluß. Zunächst forderte Bückmann, daß wenigstens das Wort "Mauschelgremium" mit dem Filzstift Exemplar für Exemplar getilgt werde. Direkte Verhandlungen mit den Studenten führte er nicht. Er schob vielmehr den Prorektor, Herrmann vor, der die Kastanien aus dem Feuer holen mußte.

Es kam nach stundenlangen Verhandlungen zu einem seltsamen Kompromiß: Die Studenten erhielten die Erlaubnis Zum Verteilen ihrer Broschüre, mußten aber andererseits eine Erklärung unterschreiben, die eine Kombination aus Gegendarstellung und Entschuldigung ist. Diese wird in der nächsten Ausgabe des Uni Ulm intern – dem offiziellen Organ der Universität – veröffentlicht. Damit ist die Welt, formal gesehen, wieder in Ordnung. Professor Herrmann hat durchblicken lassen, daß er seine Mission nur aus Pflichtbewußtsein, nicht jedoch aus Überzeugung durchgeführt habe.

Der Asta, der übrigens seine Arbeit offiziell erst im November aufnimmt, hält es mit der Weisheit japanischer Judo-Kämpfer: "Siegen durch Nachgeben." Helmut Groß