Hanna Johansens zweiter Roman: "Trocadero"

Ein schlichtes Ei, das von einer Dame, allerdings ohne Hut, auf der Fahrt nach Hannover im Zug ausgebrütet wird, könnte, "wie die Dinge liegen", falsche Erwartungen wecken. Es wäre schade, denn dieser Zug bleibt schließlich, nach einer überlangen, auch noch die Jahreszeiten durchquerenden Fahrt irgendwo in einem Tunnel stecken. Die Dame, die uns auch davon berichtet, meint aber nur: "Ich nehme die Tatsachen, wo ich sie finde." Denn: "So wie die Dinge liegen, geht es nicht weiter." Doch hindert sie diese Feststellung nicht, ihren Bericht mit der Aussage zu beschließen: "Ich war überglücklich Dies ist der letzte Satz des ersten Buches von Hanna Johansen: "Die stehende Uhr" ist ein ungewöhnliches Buch, wie das zweite dieser Autorin –

Hanna Johansen: "Trocadero", Roman; Hanser Verlag, München, 1980; 179 S., 26,–DM.

Auch dies ein ungewöhnliches Buch, mit eigenem Tonfall, einer eigenen, eigentümlichen Sprache, genau, reflektiert und – in gleichem Maße – naiv.

Jeder Satz könnte im Treppenhaus aufgeschnappt sein, so alltäglich hört er sich an. Jeder Satz drängt aber auch über den Alltag hinaus, ohne daß sich auf Anhieb sagen ließe, wie und warum. An der Sprache allein kann das nicht liegen; nicht an den Skrupeln, Gewißheiten zu verkünden. Im Vergleich fällt eher die Zurückhaltung auf, mit der die Erzählerin, ihre Aussagen relativiert. Es muß also etwas mit der Erzählperspektive zu tun haben, obwohl die Erzählung ganz selbstverständlich daherkommt. Eine Frau berichtet von ihren Schwierigkeiten, aus zwei kleinen Fischen ein großes Festessen zu bereiten. Diese Geschichte wäre nur banal – wenn es auf die Geschichte ankäme, also darauf, daß die Frau, offenbar Köchin, beauftragt ist, für die Teilnehmer einer wichtigen Konferenz ein Festessen vorzubereiten. Sie verfügt zu diesem Zweck über zwei Fische, zwei recht kleine Fische, die freilich eigens zu diesem Zweck aus Mexiko eingeflogen worden sind. Aber die Frau begibt sich, auf der Suche nach Zutaten, auf ihren Weg: treppauf, treppab, durch lange Gänge und Zimmerfluchten in die Bibliothek, in den Keller, Salons und Abstellkammern. Sie findet zwar mal ein Huhn, ein bißchen Vogelfutter, Kastanien und einen abgebrochenen Palmenwedel, sie findet aber nicht zum Ziel, ja, sie kommt nicht einmal dazu, die Fische auszupacken. Dafür findet sie Gelegenheit, über ihre Situation, ihre Aufgabe und über sich selber nachzudenken. Sie stellt sich in die Küche und kratzt, anstatt die Fische auszupacken, den Putz von der Wand, verstrickt sich in zwecklose Gänge und Handlungen bis zum – überraschenden – Ende. Aber darauf kommt es kaum an. Auch wenn der Leser schon anfängt mitzuleiden: "Von Minute zu Minute verstricke ich mich tiefer in diese Pantomime von häuslicher Geschäftigkeit, will mir scheinen" – und auf die unausweichliche Katastrophe wartet, denn das kann ja auf Dauer nicht gutgehen.

In diesem Buch geht es um die Möglichkeiten gegenwärtiger Erfahrung überhaupt. Deshalb erscheinen die Sätze, die Gegenstände beschreiben und bildlich nachvollziehbar bleiben, gleichzeitig abstrakt. Aber die Erfahrung wird nicht theoretisch präsentiert, nicht einmal beschrieben, sondern sozusagen entwickelt. Die Erzählperspektive wechselt, jeden Augenblick. Die Handlungen der Erzählerin, die Ereignisse werden stets als vergangen beschrieben, ihr jeweiliger Verlauf jedoch meist in der Gegenwart. Die Zeit wird zu einer Funktion der Perspektive. Mit überscharfer Genauigkeit werden die Gegenstände ins Licht gesetzt und damit wird eben das bedrückend nähe gebracht, was wir gemeinhin nicht oder nur aus weiter Ferne wahrzunehmen gewohnt sind. Die Schwierigkeit etwa, zwei Fische aus dem Zeitungspapier auszuwickeln; die Schwierigkeiten des Alltags, die – weil sie. so alltäglich sind – gar nicht mehr wahrgenommen werden und deshalb einen Zustand dieser Welt befestigen, der ebenso aus kleinen und großen Katastrophen besteht und, wenn überhaupt, einer irrwitzigen Logik folgt. "Es ist nicht so, daß ich kein Weltbild hätte. Das habe ich schon gesagt. Und wenn es sich im Laufe der Zeit nicht immer anwenden läßt, so ist das auch kein Unglück." Die Erzählerin hat sich eingerichtet. Sie zieht sich nicht zurück, sondern bleibt ansprechbar: "In dem Augenblick tritt, von seiner Mission zurückgekehrt, einer der Herren herein, baut sich gemäß seinen Vorstellungen von Grazie vor mir auf und sagt: Da haben wir den Salat. Noch weiß ich nicht, was er meint, aber er wird es mir schon sagen. Am liebsten würde ich den Satz so verstehen, wie er klingt, denn Salat klingt gut. Ich sah ihn an... Es sind keine Messerbänkchen da, sagte er dann."

Die Erzählerin verläßt nie den Boden unserer wirklichenAlltagswelt. Sie zieht der Realität nur, gleichsam Wen Boden unter den Füßen weg, bringt sie ins Schweben. Aber gerade das Irreale dieses Buches ist deshalb fest in der Wirklichkeit verankert. Und so kommt es, daß die Antwort auf die Frage: "Suchen Sie etwas? ... Ja, sagte ich zu meiner Überraschung. Einen Beitrag zur Kulturgeschichte der Erwartung" – zugleich eine Möglichkeit gegenwärtiger Literatur beschreibt. W. Martin Lüdke