Von Klaus Peter Schmid

Mein Freund Heiner hat mir die Sache mit Ghardaia einmal so erklärt: "Das ist ganz einfach: Du nimmst einen Nachttopf, stellst in die Mitte einen Fingerhut – und auf diesem Fingerhut liegt Ghardaia."

Eine geheimnisvolle Stadt, dieses Ghardaia. Wer sich vom Norden über die Fernstraße nähert, muß sich lange gedulden. Nirgends in der schwarzen und grauen Steinwüste ahnt man eine Siedlung – bis sich unvermittelt eine breite Talsenke auf tut, vom dunklen Streifen eines Palmenhains durchzogen und beherrscht von einem dicht bebauten Hügel. Auf seinem höchsten Punkt thront ein weißes Minarett, dessen vier Spitzen sich wie Krallen an den Himmel klammern.

Geheimnisvoll auch die Gassen, die zur jahrhundertealten Moschee hinaufführen. Der ganze Hügel ist wie bewachsen von einem Häusergeflecht, unter dem sich die Pfade wie Lebensadern hindurchschlängeln. Die klaren, kubischen Formen erinnern an Mackes Tunesienbilder; Le Corbusier hat sich hier inspirieren lassen. Himmelbau und helles Ocker dominieren, und im Labyrinth der Gänge hängt ein verwirrender Geruch, eine Mischung aus Zimt und Eselsdreck, Rosenöl und verwesendem Abfall.

Geheimnisvoll schließlich die Menschen. Vor fast tausend Jahren sind ihre Väter vor der religiösen Verfolgung in die Wüste geflohen und haben sich hier im M’Zab niedergelassen. Noch heute leben die Mozabiten nach ihren strengen Glaubensregeln. Die tiefverschleierten Frauen suchen das Weite, sobald ihnen ein Fremder über den Weg läuft. Sogar der Markt, sonst Mittelpunkt des Ortes, liegt hier außerhalb der Mauern.

Ghardaia und seine vier Nachbargemeinden (vor allem das wie eine Festung abgeschirmte Beni-Izguen) bilden eine wundersam intakte Welt aus anderen Zeiten, auch wenn heute am Rande des Talkessels Fabriken stehen, wenn der Flugplatz und ein modernes Hotel mit Swimmingpool die Fremden ins Land bringen. Gut 600 Kilometer von Algier, eine bequeme Tagestour auf der oft schnurgeraden Straße, sind Kultur und Geschichte Alltag.

Doch Ghardaia ist nicht nur Reiseziel, sondern auch ein Tor zum Süden, zur Welt der Dünen, Nomaden und Oasen. Es ist schwer zu sagen, wo dieser Süden anfängt, Bald hat man die gespenstischen Öl- und Gasfackeln von Hassi Messaud hinter sich gelassen, statt der Tankwagen beherrschen Landrover das Straßenbild, Flugsand bremst die Fahrt, die sichere Teerdecke mündet in eine holprige, waschbrettartige Piste.