Kunstkalender – Seite 1

Berlin: "Die Welt der Bahnhöfe"

Was Pferde und Kutschen vorher nur andeutungsweise ermöglichten, das schien nun, vor etwa 150 Jahren, endlich rea sein: "Die Eroberung der Welt, der Entfernungen, des Raums, der Zeit" So begrüßte Lamartine, Dichter der französischen Romantik, das Zeitalter der Eisenbahnen, Die neue Bewegungsfreiheit war nur ein Aspekt der technischen Entwicklung; als ebenso bedeutend erwiesen sich neue Kommunikationsformen und der Einfluß auf städtebauliche Entwicklungen bis hin zur Teilung der Städte in gute und schlechte Viertel, dies- und jenseits der Bahnanlagen. Doch so emphatisch das Wunderwerk auch begrüßt wurde: Man war nur halbherzig bereit, sich dem ganz Andersartigen der durch Eisenbahnen geprägten Gesellschaft zu stellen. Bahnhöfe behielten lange Zeit die architektonische Gestalt von romanischen Burgen, barocken Schlössern, gotischen Kathedralen, griechischen Tempeln, römischen Thermen, babylonischen Torbauten, orientalischen Teehäusern. Hinter dem Eingangsbereich, der Wandelhalle mit Treppen, Loggien und Torbögen, lag die große Halle, anders als der Eingangsbereich nicht das Werk eines Architekten, sondern eines Ingenieurs. Nach und nach drang das typische Merkmal der Hallen, das im Bogen geschwungene Dach, bis in die Fassaden vor, und schließlich, von Amerika ausgehend, nahm die Bahnhofsarchitektur eine Gestalt an, die der Aufgabe des Gebäudes entsprach. Mit der Entwicklung des Flugverkehrs setzte der Niedergang der Bahnhöfe ein, bis sie schließlich herunterkamen zu gesichtslosen, auf der ganzen Welt gleich aussehenden, sterilen Gehäusen, nicht zu unterscheiden von Bürohäusern. Sie sollen nichts weiter als funktionieren: morgens Hunderttausende von Pendlern herein in die Stadt, abends wieder hinaus. Traurig-heimeliger Treffpunkt von Gastarbeitern zu sein, ist da noch eine der menschlichsten Aufgaben von Bahnhöfen. Die Zeit der glanzvollen Empfänge, des luxuriösen Orientexpresses, der komfortablen Pullman-Wagen, der künstlerischen Ausgestaltung, der Kultur, der Eisenbahn – vorbei? Vorbei, auch wenn das Surren der elektrifizierten Loks an den Bahnsteigen noch immer Fernweh und Abeuteuerlust wecken und alte Bahnhöfe – immer noch viel zuwenig – restauriert oder einem neuen Zweck zugeführt werden. Nur\ wenn wir die überragende soziale und ökonomische Bedeutung der Bahnhöfe erkennen und vor allem auch anerkennen, werden wir in der Lage sein, mit ihrer Erhaltung ein wesentliches Stück Menschheits- und Kulturgeschichte zu konservieren. (Staatliche Kunsthalle Berlin bis 5. Oktober, Katalog 24,80 Mark.) Ernst Busche

Köln: "Andy Warhol – Photographien"

Bekannte Gesichter und einmal mehr gemischte Gefühle: Jimmy Carter und Diana Ross mit dem gleichen eingefrorenen Lächeln, Elizabeth Taylor mit. Maske, Jackie Onassis auf Partys, Truman Capote beim Schönheitschirurgen, Bianca Jagger beim Rasieren der Achselhöhle und andere Leitbilder nicht nur der amerikanischen Gesellschaft, "very important persons" in meist nicht sehr bedeutenden Situationen und Posen beherrschen die neuen Photographien von Warhol. Aus seinen mehr als vierhundert "Exposures" der letzten vier Jahre wurden rund fünfzig für eine jetzt im Museum Ludwig gestartete Ausstellungstournee zusammengestellt, die zum erstenmal ausschließlich den Photographen Warhol präsentiert: einen Photographen, der sich um konventionelle Ästhetik wenig kümmert, weder handwerkliche noch technische Perfektion anstrebt und auch besondere künstlerische Ambitionen nicht erkennen läßt. Die mit einfachen automatischen Kleinbildkameras aufgenommenen Bilder erinnern dann auch in vielem an seine frühen Filme. Immer wieder gibt es angeschnittene Gesichter, scheinbar wahllose Ausschnitte und zufällige Vordergründe, unregelmäßige Bildränder und Unschärfen, Verzicht auf ausgewogene Arrangements. Entstanden sind unprätentiöse, ungeschönte Schnappschüsse, die vorgefundene Realität nicht zurechtrücken und unter anderem zeigen, wie Menschen sich "ganz automatisch" zurechtrücken und inszenieren, fremde Rollen und stereotype Haltungen einnehmen – wie Jack Nicholson und Anjelica Huston, die in klassischer Hollywood-Umarmungspose photographiert werden, oder die vom Pop-Künstler bewunderte Diana Vreeland, ehemalige "Vogue"-Herausgeberin und "meistkopierte Frau der Welt", über die Warhol sagt: "Sie ist wie eine Campbell’s Suppendose." Die Kälte, die von seinen meist mit Blitzlicht aufgenommenen. Porträts der Menschen-Maschinen-Kopien ausgeht, wird noch unterstrichen durch harte Schwarz-Weiß-Kontraste, die den gestrafften und gelifteten Gesichtern zusätzliche Glätte und Flachheit verleihen. Spuren eigenen Lebens wird man auf diesen Gesichtern meist vergebens suchen: Sie werden bei Bedarf chirurgisch entfernt. Beim Blick in den Spiegel könnte manch einer der faltenlosen Jet-Set-Stars allerdings dann doch noch erschrecken – wenn es ihm ergeht wie Andy Warhol. "Ich bin sicher", vermutet der 52jährige, "wenn ich in einen Spiegel sehe, erblicke ich nichts." (Museum Ludwig bis 5. Oktober). Raimund Hoghe

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Dubuffet Retrospektive" (Akademie der Künste bis 26. Oktober, Katalog 30 Mark)

Berlin-Ost: "Adolf Menzel – Gemälde und Zeichnungen" (Nationalgalerie bis 28. September)

Kunstkalender – Seite 2

Bonn: "Hans Peter Reuter" (Rheinisches Landesmuseum bis 26. Oktober, Katalog 20 Mark)

Essen: "Java und Ball" (Villa Hügel bis 7. Dezember, Katalog 18 Mark)

Köln: "Tutanchamun" (Stadtmuseum bis 19. Oktober, Katalog 15 Mark)

München: "Franz Marc" (Lenbachgalerie bis 26. Oktober, Katalog 28 Mark)

München und Landshut: "Wittelsbach und die Bayern" (Residenz und Völkerkundemuseum, Burg Trausnitz bis 5. Oktober, 6 Kataloge 99,80 Mark)

München: "Das deutsche Wohnzimmer" (Kunstverein bis 5. Oktober, Buch 29,80)

München: "Architektur in Nancy um 1900" (Stadtmuseum bis 23. November, Katalog 15 Mark)

Kunstkalender – Seite 3

Münster: "Johannes Itten" (Westfälisches Landesmuseum bis 5. Oktober, Katalog 18 Mark)

Nürnberg: "Lebensgeschichten" (Norishalle bis. 28. September, Katalog 18 Mark)

... und nebenan

Florenz: "Florenz und die Toskana der Medid im 16. Jahrhundert" (bis 28. September)

Venedig: "Kunst-Biennale und Architektur-Biennale" (bis 19. Oktober)