Von Kurt Wendt

Unvermutet sind die Zinsen auf dem deutschen Kapitalmarkt seit Monatsbeginn von 7 3/4 Prozent auf zunächst 8 1/2 Prozent gestiegen. Auch wenn sie in den letzten Tagen wieder rückläufig waren, so gelten sie in den Augen vieler Konjunktur-Beobachter angesichts der Abkühlungstendenzen in der Wirtschaft immer noch als zu hoch.

Der Jubel über den Beschluß des Zentralbankrates, den Lombardsatz von 9,5 auf neun Prozent herabzusetzen und den Kreditinstituten Wertpapiergeschäfte zu günstigen Konditionen anzubieten, war nur von kurzer Dauer. Tatsächlich waren die Erwartungen, die an diese Maßnahme zunächst geknüpft wurden, von vornherein weit überspannt. Denn die deutschen Kapitalmarktzinsen werden schon seit geraumer Zeit nicht mehr, in Frankfurt "gemacht", sondern in den USA. Ein Land wie die Bundesrepublik, das in diesem Jahr ein Leistungsbilanzdefizit von annähernd dreißig Milliarden Mark zu finanzieren hat, ist in der Zinsgestaltung nicht mehr autonom. Es muß Rücksicht auf internationale Entwicklungen nehmen – und diese werden jedenfalls zur Zeit entscheidend von der leider völlig undurchsichtigen amerikanischen Zinspolitik bestimmt.

Daß wir in der Bundesrepublik im Hinblick auf die Binnenkonjunktur nicht mehr eines Krisendiskontsatzes von gegenwärtig 7,5 Prozent bedürfen, ist wohl unbestritten, auch wenn die Bundesbank in ihrem letzten Monatsbericht die Meinung vertritt, daß der Preisauftrieb im Inland erst in Ansätzen gedämpft ist. Mit ziemlicher Sicherheit würden niedrigere Kapitalmarktzinsen im Augenblick die Inflationstendenzen nicht wieder anheizen, wahrscheinlich nicht einmal im Bereich der Bauwirtschaft.

Den Kritikern der heutigen Bundesbank-Politik ist natürlich klar, daß eine sich vergrößernde Zinsdifferenz zwischen den USA und der Bundesrepublik die internationalen Kapitalströme entscheidend verändern würde. Solange die Mark aufwertungsverdächtig war, konnten wir uns zum führenden Kapitalmarkt der Welt, zum Dollar-Raum, ein größeres Zinsgefälle leisten als heute, da die Mark wegen der wachsenden Leistungsbilanzdefizite der Bundesrepublik langfristig eher als abwertungsverdächtig gilt. Selbst innerhalb des Europäischen Währungssystems hat sich die Position der Mark in jüngster Zeit deutlich verschlechtert.

Unter diesen Umständen mutet es recht eigenartig an, wenn im Wahlkampf immer noch mit der angeblichen Stärke der Mark operiert wird. Selbst der Bundeskanzler, der es eigentlich wissen müßte, hat die Währungsreserve der Bundesbank von rund 100 Milliarden Mark schlichtweg als "Reichtum" bezeichnet. Wie schnell Währungsreserven abfließen können, haben wir in den ersten Monaten dieses Jahres erlebt, als Superzinsen in den USA bis zu rund 20 Prozent zu hohen Kapitalabflüssen aus der Bundesrepublik führten. Damals ging rund ein Fünftel der Währungsreserven verloren. Erst als sich nach einem Zinsrückgang in den USA die Kapitalströme wieder umzukehren begannen, kam Auslandskapital in nennenswertem Umfang zurück. Aber zu einem großen Teil handelt es sich dabei um kurzfristige Mittel, die jederzeit wieder abdisponiert werden können und auch zum Teil schon wieder sind.

Erlauben wir uns über niedrige Kapitalzinssätze eine weitere Schwächung der Mark – und sie ist bei weiter steigenden Zinsen in den USA nicht auszuschließen –, laufen wir Gefahr, über die dann höheren Öl- und Rohstoffpreise wieder Inflation zu importieren. Also sind auch von dieser Seite her der deutschen Zinspolitik Grenzen gezogen.