Von Jes Rau

Falsche Bescheidenheit ist nicht die Sache von Charles Sporck: "Dies ist die wichtigste Industrie der USA", sagt er kurz und bündig, "selbst die Regierung in Washington wird das irgendwann herausfinden." Sporck spricht über die Hersteller von Halbleitern, jenen "chips" aus Silikon, die die moderne Computer-Technologie ermöglicht und die den New Yorker Polizistensohn Sporck und andere mit Glück, Verstand und gutem Riecher schlagartig zu Multimillionären gemacht haben.

Im "Silicon Valley", südlich von San Franzisko, reihen sich die Hauptquartiere der Halbleiterhersteller aneinander, darunter auch die Zentrale der von Charles Sporck geleiteten National Semiconductor Corp. Die Halbleiter- und Computerindustrie ist das Paradebeispiel dafür, was venture capital – Wagniskapital – zustande bringen kann. Denn die meisten Firmen dieser blühenden Branche sind dadurch entstanden, daß ein venture capitalist risikobereite Geldgeber, Techniker, Wissenschaftler und Manager zusammenbrachte.

Am meisten Furore gemacht hat unter ihnen das Unternehmen Intel – Integrated Electronics. Zweimal in den vergangenen zehn Jahren hat Intel Produkte auf den Markt gebracht, die den Bau von Computern und anderen elektronischen Geräten drastisch veränderten: erst den sogenannten memory chip, dann den Mikroprozessor. Und im Augenblick entwickelt Intel Methoden, mit deren Hilfe die Funktionen eines gesamten Computers auf einer Handvoll Silikonstückchen untergebracht werden können. Falls sich Intel damit nicht übernimmt – was skeptische Branchenbeobachter voraussagen – versprechen Intel-Aktien geradezu Kostbarkeiten zu werden. Der Kurs der Intel-Aktie ist schon heute hundertmal so hoch wie der Wert der Anteile vor zwölf Jahren.

Im Falle Intel war es der Wagnis-Finanzier Arthur Rock, der 1968 bei verschiedenen Investoren zwei Millionen Dollar als "Saatgut" sammelte, dem nach kurzer Zeit eine rasant wachsende Unternehmenspflanze entsproß. Das Management, dem Rock das Geld zur Verfügung stellte, besaß genau die richtige Mischung aus technischem Pioniergeist, Organisationsvermögen und Geschäftssinn.

Die Erfolgsstories anderer Abkömmlinge von Wagniskapital sind wenn auch nicht so spektakulär wie die von Intel – ebenfalls beeindruckend. (Von den ventures, die daneben gingen, hört man freilich nie etwas.) Firmen wie die Luft-Spedition Federal Express, wie Tandem Computer und Apple Computer oder wie die Rolms Corp. haben ihren Geldgebern in wenigen Jahren einen bis zu zwanzigfachen Wertanstieg ihrer Investments beschert.

Solche märchenhaften Geschichten geben den Stoff ab für die Träume jener Leute auf der einen Seite, die mit ihrem Geld ein unternehmungslustiges Team finanzieren wollen, und der anderen, die darauf warten, daß ihre technischen und wissenschaftlichen Talente von einem Wagnis-Finanzier entdeckt werden, der sie Investoren und Managern vermittelt. "Die locker sitzenden Dollar mobilisieren offensichtlich die Unternehmungslust", sagt Brock H. Byers, Teilhaber einer in San Franzisko beheimateten Wagniskapitalfirma. "Wir können uns vor unternehmerischen Projekten nicht retten." Nur ein kleiner Teil der angebotenen Projekte wird schließlich auch verwirklicht. "Pro Jahr sieben wir an die dreihundert Projekte nach allen Regeln der Kunst durch", sagt Harvey Wertheim, Chef der New Yorker Firma Research and Science Investors. "Produkt- und Marktstudien werden gemacht. Und schließlich bleiben pro Jahr drei bis fünf Projekte übrig, die wir in Angriff nehmen."