Von Volker Klöpsch

Ab bist du, alter Zopf, vermaledeiter! Die

Republik ist da! Doch keiner weiß weiter." Mit diesem Stoßseufzer kommentiert der einfältige Bänkelsänger das Geschehen, das vor seinen Augen in einem Pekinger Teehaus des Jahres 1918 abläuft. Es ist die Feststellung des betroffenen Beobachters, der den Glanz und das Elend der chinesischen Gesellschaft am eigenen Leibe erfährt, der sich nicht um hochtrabende Programme schert, sondern wissen will, wann die versprochenen Verbesserungen endlich spürbar werden.

Das Teehaus ist in China eine gesellschaftliche Institution, vielleicht dem Wiener Café zu vergleichen, nur ungleich geselliger und bunter. Auch heute gibt es in Peking und Shanghai noch Teehäuser, doch ragen sie aus der Vergangenheit herüber und werden fast nur noch von alten Leuten besucht. Früher jedoch waren hier alle Gruppen und Stände vertreten, ein Panorama der chinesischen Gesellschaft tat sich vor dem Besuchen auf.

Offensichtlich war dies der Grund dafür, daß ein moderner chinesischer Dramatiker das Teehaus als Schauplatz gewählt hat, auf dem sich das Schicksal seiner leicht beliebig wirkenden Figuren und die Tragödie des neueren China abspielen.

China ist eine ferne und fremde Welt, den wenigsten von uns aus eigener Anschauung vertraut. Der Zutritt zu diesem Mikrokosmos des "Teehauses" ist somit eine Gelegenheit, Zugang zu China zu finden. Wir erkennen die vertrauten Klischees wie den-sprichwörtlichen "alten Zopf", der sogar Eingang in unseren Sprachgebrauch gefunden hat. Dieser Zopf ist nicht etwa ein chinesisches Symbol, sondern im Gegenteil für Chinesen das Zeichen der verhaßten mandschurischen Fremdherrschaft. Das Steppenvolk der Mandschus hatte Mitte des 17. Jahrhunderts den Drachenthron usurpiert. Fremde waren, die letzten "Söhne, des Himmels", die den Chinesen den Zopf aufzwangen und gegen deren Herrschaft sich diese zunehmend zur Wehr setzten. Als 1911 der Kaiser gestürzt wurde, waren dabei in gleichem Maße wie republikanische auch antimandschurische Kräfte wirksam. Auf der Straße wurden Treibjagden veranstaltet auf diejenigen, die noch den "alten Zopf zu tragen wagten.

"Das Teehaus" bietet mehr als eine solche Momentaufnahme. Seine drei Akte spielen in den Jahren 1898, 1918 und 1948 somit an entscheidenden Wendepunkten der neueren chinesischen Geschichte. Die Bühne mag somit für den deutschen Zuschauer zur historischen Anstalt werden, wo wir etwas erfahren über Gegenstände, für die auf unseren Lehrplänen kein Platz ist. Wenn wir genau hinsehen, verstehen wir besser, weshalb die verarmten Bauern in ihrer hoffnungslosen Lage einer messianischen Figur wie Mao Tse-tung folgten oder warum ein Ausländer auch heute noch in China mit Ressentiments rechnen muß.