Hamburg

Nur wenige Hamburger wissen, daß auf ihrem Staatsgebiet eines der größten Konzentrationslager der Nationalsozialisten auf deutschem Boden lag: das KZ Neuengamme. Es wurde bisher auch nicht viel getan, um diese Wissenslücke zu beheben. Erst heute – 35 Jahre nach Kriegsende – hat der Hamburger Senat mit dem Bau eines Dokumentationshauses neben dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers begonnen.

Ursprünglich war der Bau schon für 1965 vorgesehen, doch nach der Flutkatastrophe von 1962 wurde der Plan aus finanziellen Gründen zurückgestellt. Statt dessen errichtete man 1965 eine Gedenkstätte in Neuengamme. Das Vorhaben "Dokumentenhaus" blieb vorerst in der Schublade liegen, obwohl ehemalige Häftlinge und deren Organisationen regelmäßig forderten, das Projekt in Angriff zu nehmen.

Daß nun doch endlich mit dem Bau begonnen worden ist, sieht Herbert Schemmel, Vorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft Neuengamme", vor allem in der Ausstrahlung der Fernsehserie "Holocaust" begründet. 1,9 Millionen Mark hatte der Senat zunächst für Bau und Ausstattung des Dokumentenhauses bereitgestellt. Herbert Schemmel schätzt die endgültigen Kosten allerdings auf rund 2,5 Millionen Mark. Das "Museum für Hamburgische Geschichte" will in dem Dokumentenhaus gegenständliche und bildliche Zeugnisse ausstellen und mit Hilfe von Tagebüchern und Berichten auch über Widerstand und internationale Solidarität informieren. Die Geschichte des KZ Neuengamme in seiner Einbindung in das NS-Herrschaftsregime und dessen Kriegswirtschaft soll deutlich gemacht werden.

Das Konzentrationslager Neuengamme war 1938 als Außenstelle des KZ Sachsenhausen errichtet worden. Der SS-Konzern "Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH" wollte ein dort stillgelegtes Klinkerwerk mit billigen Arbeitssklaven wieder in Betrieb nehmen, um die ehrgeizigen Bauvorhaben der Nationalsozialisten in Hamburg zu realisieren. 1940 wurde die Produktion der Ziegelsteine aufgenommen, im selben Jahr bekam Neuengamme den Status eines eigenständigen Konzentrationslagers der Lagerstufe II, das hieß: "Vernichtung durch Arbeit". Die Gefangenen wurden im Laufe der Zeit zunehmend in der Rüstungsproduktion eingesetzt.

Einige Firmen richteten im Lagerbereich oder in dessen unmittelbarer Nähe Produktionsstätten ein, für andere Industriebetriebe wurden Außenkommandos errichtet, in denen die Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen Schwerstarbeit leisten mußten, so bei Blohm + Voss, der Deutschen Werft, der Krupp AG, den Continental Gummiwerken und bei VW – um nur einige der mindestens sechzig Außenlager zu nennen.

Unterernährung, Seuchen und Schwerstarbeit rafften Tausende von Menschen hin, täglich wurden Häftlinge "auf der Flucht erschossen" oder hingerichtet. Von den 106 000 Menschen aus 27 Nationen, die zwischen 1938 und 1945 im KZ Neuengamme registriert wurden, fielen 55 000 Häftlinge der barbarischen Vernichtungsstrategie des Faschismus zum Opfer.