Kugelregen im Hinterzimmer rauchiger Lokale, in Beton gegossene Leichen im Fluß, Verfolgungsjagden zwischen Drogenschmugglern und Agenten, Drohgebärden vermeintlicher "Beschützer" – solche Szenen assoziiert der Normalverbraucher mit dem Wort Mafia. Wo die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen Film und Report verläuft, ist oft nicht auszumachen. Häufig gibt es sie gar nicht.

So weit, so gruselig. Aber wer denkt schon an sizilianische Verschwörungen, wenn er seinen Alltagsgeschäften nachgeht, wenn er, sagen wir, ein Stück Pizza abbeißt? Wer erwartet schon, dabei auf sorgfältig verbackene Kleinstteile eines Autowracks zu stoßen oder bei der Schießerei zwischen dem Pizzeriabesitzer und hereinstürmenden dunklen Gestalten in Deckung gehen zu müssen?

An all dies, meint Russell Baker, Satiriker vom Dienst bei der New York Times werden sich die Amerikaner nämlich künftig gewöhnen müssen.

Sein Szenario zu erwartender Mafia-Flügelkämpfe, wo Giftmischer dem Teigausroller das Handwerk verderben und ein grämlicher Mafiosi einem anderen den Mund mit Mozarella versiegelt, ist zwar mit viel dichterischer Freiheit geschrieben, aber letztlich stützt er sich doch auf einen Tatsachenbericht, der zwei Tage zuvor im gleichen Blatt zu lesen stand. Die Mafia, heißt es darin, habe sich jetzt auch den "sauberen" Geschäften des Pizza- und Käsehandels zugewandt. Von der Herstellung des Mozarella über den Zwischenhandel mit dem Frischkäse und die Pizzeria-Ausstattung beherrsche sie diesen Teil des Ernährungsmarktes.

In dem Bericht einer öffentlichen Untersuchungskommission aus Philadelphia liest sich das Sündenregister der Mafia zwar erheblich langweiliger als bei Russell Baker. Da ist die Rede von steuerfreier millionenfacher Abschöpfung aus der Pizza-Kasse. Doch auch hier tauchen berühmt-berüchtigte Namen wie Galante und Gambino in Verbindung mit Käsereien auf, und am Ende wird der Schluß gezogen, daß das Pizza-Business von dunklen Gestalten kontrolliert wird. Selbst die "sauberen" Pizzaläden, die noch nicht in den Händen der Mafia sind, werden zum großen Teil mit: Waren beliefert, die in der Einflußsphäre der Unterwelt hergestellt und verteilt werden.

Die Mafia im Restaurantgeschäft ist natürlich nichts Neues, sogar in Nordrhein-Westfalen, heißt es, haben Pizzerias ihre liebe Not mit vermeintlichen "Beschützern", die für ihre unerbetenen Dienste horrende Preise verlangen oder sich bei Nichtbeachtung grausam rächen. Aber daß sie sich nun auch mit Kapital auf der Erzeugerseite einkauft, ist bemerkenswert. Tortellini und Käse statt Drogen und Spielhöllen? Diversifikation als kluge Geschäftspolitik, nicht anders, als jeder Konzern sie betreibt. Das "organisierte Verbrechen" trägt seinen Namen nicht umsonst.

In Amerika ist die Mafia nie weit, wenn das Geschäft blüht. Beim amerikanischen Fast-Food-Menü wird die Pizza den Hamburger als Nationalgericht bald ersetzen, das Engagement der sizilianischen Brüder ist deshalb nur folgerichtig.