Von Jürgen Heinrichs

Wer vor zwei Jahren gemeint hat, die Auseinandersetzung um Recht und Praxis des Schwangerschaftsabbruchs habe sich einige Zeit nach der Änderung des Paragraphen 218 StGB beruhigt, sah sich Anfang 1979 eines besseren belehrt. Ein Anstieg der in der Statistik für 1978 verzeichneten Abbrüche – der zu erwarten war und immer noch nicht (und das auch bis heute nicht) die systematische statistische Untererfassung ausgleicht – wurde zum Anlaß genommen, das Heraufziehen einer "Abtreibungsmentalität" in der Öffentlichkeit zu beklagen und die Beteiligten, also betroffene Frauen, Ärzte und Beratungsstellen, gesetzwidrigen Verhaltens zu verdächtigen. Es waren besonders Ärztefunktionäre, Gesundheitspolitiker derCDU/CSU und Vertreter der katholischen Kirche, die diese Kampagne anführten. Einer der "Höhepunkte" waren im Juli 1979 auf einem Kongreß des gesundheitspolitischen Arbeitskreises der CSU in München die Äußerungen des Dr. med. Holzgartner: "Die Nationalsozialisten haben die Juden getötet, und die internationalen Sozialisten töten ungeborenes Leben. Das, was in unserem Volke passiert, ist exakt der Weg zurück nach Auschwitz."

Voriges Jahr sah es so aus, als solle mit solcher Agitation auch eine erneute, diesmal in entgegengesetzte Richtung weisende Änderung des Strafrechts in das Wahlprogramm der Union gepreßt werden. Doch die kühl abwägenden Parteistrategen wollten offenbar davon nichts wissen. Ihnen war klar, daß sie damit mehr weibliche Wähler abschrecken als anziehen könnten. Mit dieser Einschätzung haben sie wohl auch recht, folgt man der Botschaft eines noch rechtzeitig vor der Bundestagswahl vorliegenden Taschenbuches:

Susanne v. Paczensky (Hg): "Wir sind keine Mörderinnen! Streitschrift gegen eine Einschüchterungskampagne"; rororo – Frauen aktuell 4635; Rowohlt Verlag, Reinbek 1980; 142 S., 5,80 DM

Dies ist eine Streitschrift, im Zorn geschrieben, mit gelegentlich auch starken Worten das Für gegen das Wider setzend. Daher erläutert die Herausgeberin im Vorwort: "Dies Buch ist nicht ausgewogen. Es will im Gegenteil nur eine Waagschale mit Argumenten füllen, da die andere schon randvoll erscheint. Es will Argumente zur Verfügung stellen, Informationen anbieten und Standpunkte beschreiben, die offensiv im Streit genutzt werden können, der von anderer Seite bereits lautstark und wortgewaltig geführt wird." Es ist ein Widerspruch von zornigen, aber auch von enttäuschten Frauen gegen die stumpfsinnige Überheblichkeit von Männern, oder, wie Luc Jochimsen es ausdrückt, gegen "Männer unter sich über uns". Folglich haben Frauen dieses Buch gemacht, wenn sie auch die Thesen von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger über "Die Heiligsetzung des Lebens durch Massenmord oder: Der Holocaust der Kirchen" ebenso mit aufgenommen haben wie das bekannte Gedicht von Bert Brecht "Herr Doktor...".

Für was setzen sich diese Frauen ein? Eva Rühmkorf stellt am Schluß ihres Beitrages einen Katalog auf: "Die Einschüchterungskampagne gegen diejenigen, die die heutigen rechtlichen Möglichkeiten des Paragraphen 218 StGB wahrnehmen und verteidigen, muß Frauen zu folgenden Schlußfolgerungen veranlassen:

Wir müssen uns dafür einsetzen, daß der Paragraph 218 StGB ersatzlos gestrichen wird. Nur so kann der Schwangerschaftsabbruch vor dem Odium der Unmoral und der kriminellen Tat befreit werden. Wir müssen uns dafür einsetzen, daß Kinder, Jugendliche und Erwachsene in der Bundesrepublik über Methoden der Schwangerschaftsverhütung aufgeklärt werden. Nur so kann erreicht werden, daß nicht weiterhin allein die Frauen die Verantwortung für Schwangerschaft und Geburt oder Schwangerschaftsabbruch (und deren Folgen) zu tragen haben. Wir müssen uns dafür einsetzen, daß die Krankenkassen und Krankenversicherungen die Kosten für Verhütungsmittel und für die Sterilisation von Frauen und Männern übernehmen. Nur so kann vermieden werden, daß "Wunschkinder" ein Privileg der Privilegierten bleiben. Wir müssen uns dafür einsetzen, daß in allen Bundesländern Ambulatorien für Familienplanung und Schwangerschaftsabbruch eingerichtet werden. Nur so kann ermöglicht werden, daß Frauen nicht weiterhin ins Ausland fahren müssen aus Angst vor Demütigungen und Achtung, und nur so kann der Kampagne gegen die Arbeit des Instituts für Familienplanung und Schwangerschaftsabbruch in Bremen wirksam begegnet werden."