Von Theo Sommer

Luftangriffe auf Teheran, Bomben auf Bagdad – die Grenzscharmützel zwischen Iran und Irak haben sich zum offenen Konflikt ausgeweitet. In der hochentzündlichsten Region der Erde, mitten in den nahöstlichen Ölfeldern, glimmt die Lunte.

Der Sachverhalt ist klar. Iraks Präsident Saddam Hussein nützt die Schwäche des persischen Nachbarstaates, den der fanatische Ajatollah Chomeini an den Rand der Anarchie getrieben hat, dazu aus, um Bagdads Vormacht am Golf mit Waffengewalt durchzusetzen. Es geht ihm um dreierlei. Erstens: Er will die Grenzregelung rückgängig machen, die ihm der Schah im Pakt von Algier 1975 aufgezwungen hat, als Gegenleistung dafür, daß er die Unterstützung der aufständischen Kurden im Irak einstellte. Zweitens: Er sucht Chomeini zu demütigen, der die Schiiten im Irak – die Hälfte der Bevölkerung – gegen das sunnitische Baath-Regime aufwiegelt. Drittens: Er trachtet nach der Führungsrolle innerhalb der arabischen Welt, die Sadat nicht mehr ausüben kann, König Chalid nicht offen ausüben will.

Weniger klar ist, wie weit Hussein die Auseinandersetzung eigentlich treiben will. Möchte er nur die 500 Quadratkilometer wieder haben, die ihm Reza Pahlevi vor fünf Jahren abgepreßt hat, und abermals die volle Gewalt über die ganze Breite des Schatt-el-Arab? Ist er auf die 1971 von Persien vereinnahmten Inseln Abu Musa, Groß-Tumb und Klein-Tumb scharf, deren Besitzer die Straße von Hormuz kontrolliert, die jeden Tag hundert Tanker durchfahren – mit beinahe 70 Prozent des in den OECD-Ländern verbrauchten Erdöls? Will er für Persiens Ölprovinz Chusestan mit ihrer vorwiegend arabischen Bevölkerung Autonomierechte herausschlagen oder ist er darauf aus, die Provinz – Arabistan nennen sie die Araber – vom persischen Staatsverband abzutrennen und damit den Iran zu zerschlagen?

Die Gefahren liegen auf der Hand. Bagdad und Teheran mögen ihre Aktionen nicht so dosieren können, daß sie Herr der Entwicklung bleiben. Auch die beiden Supermächte könnten überfordert sein; der Irak ist Moskau gegenüber in letzter Zeit immer stärker auf Distanz gegangen, Washington aber hat auf Teheran gar keinen Einfluß mehr. Falls die Perser tatsächlich die Straße von Hormuz blockieren sollten, wäre ein westlicher Gegenschlag unvermeidlich. Wenn aber der Iran zerfällt, könnte die Versuchung für Moskau übermächtig werden, sich aus den Trümmern zu bedienen. In beiden Fällen würde unausweichlich die andere Supermacht auf den Plan gerufen.

Das orientalische Gemisch aus Nationalismus, religiösen Gegensätzen und Ölinteressen ist höchst explosiv. Ein Sarajewo am Golf könnte das Ergebnis sein: ebenso ungewollt wie unaufhaltsam. Saddam Hussein spielt mit dem Feuer.

Die Araber sehen ihm scheelen Blickes zu. Begeistern kann es sie nicht, daß einer der ihren gleichsam im Pulvermagazin um sich schießt. Eine Golfvormacht Irak – der ja lange Jahre hindurch die Nachbarn mit Gebietsansprüchen und revolutionärer. Unterwanderung geplagt hat – hätte keiner der Anrainer gern. Selbst die Sowjets müssen die Erschütterung scheuen, die der Irak auslöst; erst recht der Westen, der seine letzthin deutlich gesteigerte Unterstützung für Bagdad durch Husseins Hasardspiel schlecht gelohnt sieht.