Von Hugo Stiller

Unlängst gewährte der Direktor der London School of Economics der BBC ein Interview; es drehte sich um die Auswirkungen der Etatkürzungen der britischen Regierung auf sein Institut. Der Direktor sprach hervorragendes Englisch. Diese Tatsache wäre nicht weiter bemerkenswert, wüßte man nicht, daß, er Deutscher ist und damit ein seltener Vogel hierzulande, wo, wenn es um die Beherrschung von Fremdsprachen geht, zeitlebens im Zustand der infantia (des Sprach-Unvermögens also) zu verharren als durchaus normal hingenommen wird. Vergebens sucht man oft selbst in größeren Ämtern und Betrieben einen Menschen, der sich, sagen wir, mit einem italienischen oder russischen oder gar arabischen Besucher in dessen Muttersprache unterhalten könnte.

Hätten die Deutschen als größte Einwanderergruppe in den Vereinigten Staaten ihre Sprache als Landessprache durchgesetzt – eine Zeitlang sah es danach aus –, wäre das Deutsche womöglich Weltsprache geworden. Daß es anders kam, hindert uns nicht, im Hinblick auf andere lebende Sprachen ein hegemoniales Verhalten an den Tag zu legen. Die Kulturabkommen, die unsere Republik mit -zig Staaten der Erde geschlossen hat, werden allenfalls von einem der beiden Partner ernst genommen, soweit sie die wechselseitige Pflege der Sprache betreffen. Dabei weiß jeder, der den Bundeskanzler einmal im britischen oder amerikanischen Fernsehen hat parlieren hören, welchen Verständigungs- und Publicity-Bonus ein bißchen Geläufigkeit und phonetische Korrektheit in der anderen Sprache einzubringen vermögen.

Die Kenntnis einer großen Landessprache enthebt uns der Provinzialität unseres eigenen Sprachraums und eröffnet die Möglichkeit zu weltweiter Kommunikation. Wer Englisch beherrscht, kann sich mit einer Milliarde Menschen in ihrer Mutter-, Amts- oder Verkehrssprache unterhalten und verständigen, ob in Indien, Afrika, Australien oder USA. Französisch ist der sprachliche Schlüssel zu 33 Ländern. Spanisch, die am schnellsten wachsende Sprache der westlichen Hemisphäre, wird schon von über 250 Millionen Menschen gesprochen und ist sogar in Teilen der USA faktisch und gesetzlich etablierte Erst- und Zweitsprache. An unseren Schulen ist diese Sprache vergleichsweise unterentwickelt. Führt man sich vor Augen, welch bescheidene Rolle unsere eigene Sprache in der Welt spielt, dann bekommt die Kenntnis einer Zweitsprache die Bedeutung einer elementaren Kulturtechnik.

Als Erasmus von Rotterdam, der Humanist und Philologe, sich zu Anfang des 16. Jahrhunderts für das Erlernen des Lateinischen und Griechischen einsetzte, konnte er das Argument ins Feld, führen, das gesamte Wissen seiner Zeit sei in diesen Sprachen gespeichert. Das gilt, heute mutatis mutandis für das Englische als internationale Sprache der Medien, der Wissenschaften und des wissenschaftlichen Fortschritts, Kein, wissenschaftlicher Beitrag von Rang, der nicht englisch publiziert würde. Selbst in deutschen Fachzeitschriften werden oft Beiträge wenn nicht englisch geschrieben, so doch Zumindest mit einem englischen abstract vergehen. Informiertheit auf internationaler Ebene ist von einer gewissen Stufe an ohne Englischkenntnisse nicht denkbar.

Unsere stark auf den Handel mit anderen Ländern angewiesene Wirtschaft sucht stets nach Mitarbeitern mit Fremdsprachenkenntnissen auf verschiedenen Plateaus und findet sie nicht in genügender Zahl. Die Schlangen vor den Anmeldestellen der Volkshochschulen sind ein Indiz dafür, daß viele Menschen erst spät bemerken, wie oft Fremdsprachenkenntnisse Voraussetzung für berufliches Fortkommen in Wirtschaft und Verwaltung sind.

Es ist eine zu wenig bekannte Tatsache, daß das Erlernen einer Fremdsprache die Beherrschung der eigenen Muttersprache in Wortschatz, Syntax und Grammatik fördert. Jede Fremdsprache ermöglicht es, die Muttersprache objektiv – von außen sozusagen – zu betrachten und sich so ihrer Funktionsweisen und ihres Bedeutungspotentials besser bewußt zu werden.