Der unterirdische, plüschgepolsterte Lucerna-Saal am Prager Wenzelsplatz hat eine traurige Berühmtheit. Hier feierten im Spätherbst 1968 sowjetische Besatzungssoldaten und tschechoslowakische Dogmatiker ihr erstes Verbrüderungsfest – mit dem sie sich damals nicht ans Tageslicht wagen durften. Einer der Dunkelmänner jener Zeit, der heutige ZK-Sekretär Vasil Bilák, hat nun in diesem Lucerna-Saal an die "Konterrevolution" von 1968 erinnert und beziehungsvoll hinzugefügt, "daß uns das Schicksal unseres polnischen Nachbarn nicht gleichgültig sein kann". Ähnliche Töne kommen aus Moskau und Ostberlin. Vage Berichte aus Amerika spekulieren über geringfügige Truppenbewegungen der Roten Armee an Polens Grenze. Was planen die Sowjets?

Zu akuter Besorgnis besteht wohl kaum Anlaß. Moskau hat dem neuen Parteichef Kania eine mittlere Schonfrist eingeräumt. Aber die Prawda signalisiert gleichzeitig, daß der Kreml diese Frist als Vorbereitungsphase für ein mögliches Scheitern Kanias nutzt: "Die polnische Presse weist zu Recht darauf hin, daß mit der Stabilisierung der Lage auch die Aktivitäten, Hetze und Wühltätigkeit jener Kräfte zunehmen, die dem sozialistischen Polen feindlich gesonnen sind." Das heißt im Klartext: Moskau erkennt Kanias Bemühen an, die freien Gewerkschaften wenigstens so auszuhöhlen, daß sie am Ende wieder systemkonform werden. Nur höhlen in den Augen des Kreml diese Gewerkschaften das System viel schneller aus – so daß es nicht mehr parteikonform ist.

In der Tat: Schon meldet die polnische Militärzeitung, daß Zivilbeschäftigte der Armee aus ihren linientreuen Fachgewerkschaften austreten wollen. Selbst Krankenhauspersonal und Volksschullehrer haben "autonome" Gewerkschaften angekündigt. Die Partei driftet in dieser Flut immer stärker auseinander. Schon kommt aus ihren Reihen der Ruf nach einer befristeten Amtszeit für Spitzenfunktionäre. Auf dem außerordentlichen Parteitag im Dezember droht ein Sturm. Wenn Moskaus psychologischer Druck dann die harte Fraktion in Warschau nicht vorm Schiffbruch bewahren kann, droht allerdings die befürchtete "Rettungsaktion". C. S.-H.