Dieter Hildebrandts Zeitschriftenkiosk (2)

Der denkwürdigen Außenposition West-Berlins, die am knappsten dadurch gekennzeichnet ist, daß ein "Drüben" hier sowohl Ost als auch West meinen kann, Leipzig oder Düsseldorf, diesem genius loci (der zum genius der Dislozierung geworden ist, zum Geschenk der Distanz), entspricht seit langem nichts mehr so klar und souverän wie die Zeitschrift, die Klaus Wagenbach und Barbara Herzbruch vor gut einem Jahr unter dem Titel Freibeuter herausgebracht haben und deren Heft 4 jetzt vorliegt.

Die Stadt ist ja ein vortrefflicher Umschlagplatz für Systeme, auch in dem entlegeneren Wortsinn, daß Ideologien hier in ihr Gegenteil umschlagen können; sie ist zugleich der Ort mit dem besten Flair für neue Tendenzen und zumal für solche, die keine mehr sein wollen. Alle Arten von Paradoxie, die aberwitzigsten Widersprüche sind hier zu Hause und kommen überein in jener einheimischen Wendung, die da "Denkste" heißt. Die "neue Zeitschrift für Kultur und Politik", wie sich der Freibeuter im Untertitel nennt, beruft sich ausdrücklich auf solche Künste des Hackentricks, und er wünscht sich, höchst durchtrieben, Leser wie den Unternehmer ("setzt auf den Kommunismus: Er weiß, daß im Kapitalismus der Zukunft die Privatinitiative keine Zukunft hat"), den Umstürzer ("Beobachtet genau, dreht dann alles um und betrachtet es von unten") oder eine Freibeuterin ("Läßt die Arbeit einen guten Mann sein und denselben ein Lustobjekt"). Ja, die Ent-Ideologisierung der linken Szene wird, hart am Rande des Kalauers, bis ins Neutrum getrieben: Der gute alte Tauschwert hat ausgedient, und an seine Stelle ist "das Tauschwert" (Tau-Schwert) getreten: "Liebt Märkte, schwätzt, zappelt... Geht morgens Tau schneiden und kichert über die Grammatik."

Über die Grammatik kichern mögen die Leser – die Autoren des Freibeuter tun es gottlob nicht. Die Beiträge dieser Hefte sind so brillant und jargonfrei geschrieben (und meisterhaft unangestrengt übersetzt), daß man sich allenfalls über die Einheitlichkeit der Qualität wundern kann. Nach mehr als einem Jahrzehnt der inneren Emigration in die marxistische Terminologie gebieten die europäischen Linken, die hier neu versammelt sind, über eine freie Denk- und Ausdrucksweise.

Grammatik gibt es aber auch im Aufbau der Zeitschrift, will sagen: Eine präzise Struktur, eine sorgfältige Sortierung. Die unterteilenden Titel verraten schon eine Menge vom Vergangenheitsbewußtsein und der Zukunfts-Nostalgie der Redaktion: So kehren die "Texte und Zeichen" des avantgardistischen Experiments der fünfziger Jahre hier als Rubrik wieder, und aphoristische Zwischenvorhänge erinnern an Nietzsche, Bloch, Adorno: "Eintritt frei", "Spielplatz". "Der Blick zurück nach vorn" – dem jeweils die Mitte eines Heftes gewidmet ist – nimmt Benjamins "Hoffnung im Vergangenen" auf. Über weite Strecken wirkt der Freibeuter denn auch wie ein Hommage an Walter Benjamin, an die eigensinnige Dialektik und an die Beobachtungs-Subtilität dieses kritischen und panoramatischen Geistes. Dazu gehört auch, daß hier nicht so sehr einzelne Probleme analysiert, Detailfragen orthodox beantwortet, sondern daß Themen-Terrains ausgekundschaftet, Gedankengänge illuminiert werden. Und jeweils ein "Thema" dient der jeweiligen Nummer als Fix- und Streitpunkt.

"Lust auf Städte" heißt das des dritten Heftes, und hier steht Walter Benjamin ausdrücklich Pate: "Zwischen den Zeiten ging er in Totenstädten und besang ihr Leben. Wir aber spüren darin eine noch warme Nähe, die uns fehlt; die Bilder des Verfalls, die er zeichnet, muten uns an wie Szenen aus einer Heimat." Solchem Heimatgefühl wird aber auch Skepsis entgegengesetzt, und es gilt Abschied zu nehmen von der Stimmung Benjamins: "Zu schnell beugen wir uns Benjamins Diktum vom Verlust der Aura: allzu bereitwillig spüren wir das Traurig-Auratisch in jeglichen Trümmern der Vergangenheit auf – verweigern diese liebevolle Anstrengung aber unserer Gegenwart, gehen fast achtlos mit der Zeit um, in der wir leben. Kaum einer versucht, die Geheimnisse der Gegenwart zu erkunden."

Das schreibt Thomas Schmid als Einleitung zu einer "archäologischen Exkursion durch das heutige New York", zum Porträt dreier Stadtbewohner, eines Schriftstellers, eines Polizisten, eines städtischen Umweltschützers. Aber Schmid setzt den Traumreisen Benjamins nicht nur die Exkursion in den Alltag entgegen, sondern der Benjaminschen Lust am Labyrinthischen das Bedürfnis des Städters nach einem überschaubaren Quartier: "Wie alle Städter sind natürlich auch die New Yorker Dorfbewohner: sie wählen aus, schaffen sich ihr Dorf, ihren Weiler, ein paar Straßenzüge lang – der Rest existiert nicht."