/ Von Ulrich Greiner

Franz Josef Strauß, so bemerkte kürzlich ein Leser in der "Tageszeitung" (TAZ), sei die einzige Integrationsfigur der Linken. Das war ironisch gemeint, aber traurigerweise trifft es zu. Nachdem der Marsch durch die Institutionen zum Marsch in die Resignation geworden ist und Fraktionskämpfe einerseits, Privatismus andererseits die Szene beherrschen, bildet Strauß den Fluchtpunkt, auf den sich die zerrissene bundesdeutsche Linke ausrichtet, noch einmal die abgenutzten Kräfte sammelnd.

Er eignet sich wie kein anderer dafür. Seit er Kanzlerkandidat ist, verhält sich Strauß genau so, wie es die Linke von ihm erwartet. Und die Linke reagiert genau so, wie es Strauß von ihr erwartet. Er und seine Gesinnungsgenossen liefern jene diffamierenden Sentenzen, auf die man von links mit diffamierenden Sentenzen entgegnen kann.

Das Spiel erinnert an einen kleinbürgerlichen Ehekrieg in seinem Endstadium. Das Mittelmaß der einen Seite provoziert das Mittelmaß der anderen. Bernt Engelmann kann sich damit brüsten, von Strauß verfolgt zu werden, und Strauß, der sich ewig nicht entscheiden kann, ob er lieber Mäzen oder lieber Kammerjäger sein will, darf sich als Opfer der Künstler und Intellektuellen fühlen.

Und der dumme Slogan "Freiheit statt Sozialismus", mit dem die Union den letzten Bundestagswahlkampf verlor, findet sein konterkarierendes Pendant in der kaum intelligenteren Kampagne "Freiheit statt Strauß". Als ob ein Wahlsieg von Strauß das Ende von Freiheit und einer von Schmidt die Garantie von Freiheit notwendig bedeuten müsse. Die Dämonisierung von Strauß, die ihm eigentlich gefallen sollte, weil sie ihn wichtiger und gewichtiger macht, als er in Wahrheit ist, entspricht einer Verlegenheit der Linken. Auffällig seit geraumer Zeit ist ja, daß sie nur noch reagiert. Wie gelähmt starrt sie auf den Gegner, offenbar außerstande zu anderen Perspektiven, neuen Entwürfen.

In Coney Island, dicht neben dem von Scherben und Abfällen übersäten Strand, steht eine Schießbude, in der allerlei Tiere, Fabelwesen sowie ein im Hintergrund sitzender Pianist verstaubt vor sich hindämmern. Trifft man mit dem Gewehr auf die jeweilige Zielscheibe, so setzt sich ein Mechanismus in Gang, der Pianist fängt an, auf die Tasten zu schlagen, und die Tiere bewegen sich. Danach fällt alles wieder tot in sich zusammen.

Gäbe es Strauß nicht, was täte die Linke? Täuscht nicht die halbwegs gemeinsame Front gegen diesen liebsten Feind darüber hinweg, daß es "die Linke" schon lange nicht mehr gibt? Die K-Gruppen und die DKP sind bis zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. (Der gerade eben gespaltene KBW ist ein neuer Beweis.) Die klassische, aufklärerisch-intellektuelle Linke fristet an den Schulen und Hochschulen und in den Medien ein fragmentarisches Dasein, und ihr Einfluß, wenn er denn je erheblich war, schwindet mehr und mehr. Die Schüler und Studenten entziehen sich, nicht zuletzt aus naturwüchsiger Opposition, linken Bevormundungen und zeigen sich demonstrativ unpolitisch, oder sie neigen rechten Ideologien zu, die allemal exotischer und aufregender scheinen als eine Marx-Exegese etwa.